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24.8.2009 | Von:
Elena Stepanova

Bilder vom Krieg in der deutschen und russischen Literatur

Rassenideologie

Man geht davon aus, dass Ideologie ein wichtiger Faktor hinsichtlich der Motivation im Krieg an der Ostfront gewesen ist. Auf beiden Seiten hat Propaganda dazu gedient, die Soldaten von der "gerechten Sache" zu überzeugen, für die sie ihr Leben lassen sollten, und die Identifikation mit dem Kollektiv zu ermöglichen, für das sie sich opfern sollten.[6] Als wichtige Motivationsgründe auf der deutschen Seite werden vor allem Überlegenheitsgefühle gegenüber den slawischen "Untermenschen" und Juden genannt.[7] Auch zeigt sich die Affinität der Wehrmachtsangehörigen zum Nationalsozialismus "in ihrer ausgeprägten Glaubensbereitschaft gegenüber dem Führer, in ihrer Reproduktion des Hitlermythos, dem sie wohl noch länger und stärker verfallen waren als die Zivilbevölkerung".[8]

Für die sowjetische Seite betonen Historiker unter anderem die Überzeugung von der Notwendigkeit der Landesverteidigung, den Existenz- und Freiheitskampf sowie die Opferbereitschaft der Bevölkerung als ausschlaggebende Motive zum Kampf gegen die Invasoren. "Unter dem Zeichen dieser Gefühle - Liebe zur Heimat und Hass auf den Feind - erlebte der sowjetische Soldat den ganzen Krieg."[9]

Die historischen Tatsachen haben mit dem Geschichtsbild der Bevölkerung oft nicht viel zu tun. Gerade wenn der Abstand zu einem historischen Ereignis größer wird, verfestigen sich alte und entstehen neue Geschichtsbilder, die den historischen Fakten widersprechen, unangenehme Tatsachen auslassen und von der aktuellen gesellschaftspolitischen Konjunktur beeinflusst sind. Schriftsteller sind neben Filmemachern wichtige Produzenten solcher Geschichtsinterpretationen. So wird gefragt, wie deutsche und russische Schriftsteller die Gründe erklären, aus denen heraus Soldaten auf beiden Seiten zum Töten und Sterben bereit waren. Welche Antwort würden sie mit ihren Werken auf die gemeinsame Frage von Heinrich Böll und Lew Kopelew geben: "Warum haben wir aufeinander geschossen?"[10]

Der Krieg in Russland ist das zentrale Thema des Romans "Unscharfe Bilder" von Ulla Hahn. Eine der beiden Hauptfiguren, die Gymnasiallehrerin Katja, glaubt, ihren Vater Hans Musbach auf einem Foto der Wehrmachtsausstellung erkannt zu haben. Sie konfrontiert ihn mit Fragen, woraufhin der Vater von seinen Kriegserlebnissen in Russland erzählt. Am Ende gesteht er, an einer Partisanenerschießung teilgenommen, jedoch danebengeschossen zu haben und ohnmächtig geworden zu sein. Nach dem Aufwachen habe er den SS-Mann erschlagen, der ihm den Befehl gegeben hatte, als dieser gerade eine Partisanin vergewaltigen wollte; mit dieser Partisanin ist Musbach dann - als Liebespaar - durchgebrannt. Dieses Narrativ erinnert stark an das Erzählmuster der westdeutschen Ostfrontromane der 1950er Jahre, das auf diesem Weg in die deutsche Literatur zurückkehrt.

Laut Musbach gab es beim Militär keine ideologische Erziehung: "Man ließ ihre Köpfe in Ruhe. (...) Sogar eine gewisse Freiheit glaubte Musbach sich so bewahren zu können, eine innere zumindest."[11] Die Ideologisierung der Frontsoldaten, die zahlreiche historische Studien belegen,[12] wird im Roman bestritten. Musbach vertritt die Meinung, dass die meisten deutschen Soldaten bei Kriegsausbruch keine nationalsozialistische Überzeugung teilten: "Warum sollten wir gegen den Kommunismus kämpfen? (...) Ein "Volk ohne Raum"? Nein, einen Drang nach Osten spürten wir nicht. (...) Laut sangen wir nicht, und am Ende brüllten wir auch nicht das gewohnte Sieg Heil! (...) Und vergiss niemals, wir hatten uns nicht freiwillig gemeldet! Ich hatte Hitler nie gewählt! Ich war in Russland ein Gefangener meines eigenen Landes."[13] Gekämpft habe er aus Angst, weil ihm nichts anderes übrig blieb: "Letzten Endes sind wir eigentlich nur aus Feigheit dageblieben. Desertieren führte meist in den sicheren Tod, in der Truppe gab es wenigstens eine Chance zu überleben."[14]

Für diesen spezifischen Fall könnten die Aussagen stimmen, im Roman wird suggeriert, es handele sich um die Regel. Inwieweit diese Sicht im Widerspruch zu neuesten Forschungsergebnissen steht, zeigt die Studie von Stephen G. Fritz "Hitlers Frontsoldaten", in der anhand von zahlreichen Interviews und Feldpostbriefen belegt wird, dass es in der Truppe in Russland ein derart auffälliges Einverständnis mit der Auffassung des NS-Regimes vom bolschewistischen Feind und von dessen Behandlung gab, dass sich viele Soldaten bereitwillig an Mordaktionen beteiligten.

Im Roman "Himmelskörper" von Tanja Dückers geht es um den Versuch der 30-jährigen Freia, das Familiengeheimnis über die fragwürdigen Umstände der Flucht ihrer Großeltern aus Westpreußen aufzudecken. Der Russlandkrieg ist in der Familie ständig präsent: Großvater hat in Russland ein Bein verloren. Unter welchen Umständen das geschah, wird vom Großvater nur widerwillig erzählt: "Er war Soldat, erfuhren wir, für Hitler zog er in den Krieg, nach Russland, am Anfang lief alles wie am Schnürchen, murmelte er. Dann wurde alles immer schwieriger, sein Regiment wurde zurückgedrängt, sie konnten nicht, wie Hitler versprochen hat, Weihnachten wieder nach Hause. Es ging nicht voran, der Horizont brannte immer, Feuer, manchmal ganz nah, und sie waren immer noch in diesem fernen Land... Irgendwann hörte Großvater einfach auf mit den Worten, minus 52 Grad und diese Weite... diese Weite... ach, Kinder, diese schreckliche Weite. Wir sprachen leise miteinander. Man hatte auf Großvater geschossen. Armes Mäxchen. Der Russe musste ein besonders fieses Monster sein."[15]

Auch der Großvater verliert kein Wort über die ideologische Seite des Krieges. Ideologieträger sind "die Anderen", die SS oder generell die "Nazis". In "Himmelskörper" erzählt die Großmutter von der Flucht aus Westpreußen. Ihr Hass auf die "Bonzen" wird deutlich: Diese konnten sich "sicherer" retten. Aber auch sie gelangte auf das sichere Minenschiff, denn ihre Parteizugehörigkeit öffnete bessere Fluchtmöglichkeiten. Dückers zeigt das Heuchlerische an der Einstellung, dass "Bonzen" immer die anderen waren. Die Großeltern können sich bis zum Ende ihres Lebens nicht von der Rassentheorie lösen. Zwar behaupten sie immer das Gegenteil, doch wenn Großvater über seine Bienen spricht, wird seine Überzeugung offen gelegt: "So etwas gibt es eben nicht nur beim Menschen: diese Heimatlosigkeit, dieses Nomadentum. Für mich sind die Kuckucksbienen die Juden im Bienenvolk. Sie bereichern sich an den Grundlagen, die andere Völker für sie geschaffen haben. Nutznießerisch. Berechnend. Aber eine starke Bienenkönigin - immerhin hat sie ein Heer von bis 60000 Arbeiterinnen an ihrer Seite (...) - lässt die Kuckucksbienen natürlich verjagen."[16]

Nach dem Tod ihrer Großeltern findet Freia in einem Pappkarton Bücher zur Rassenlehre, welche die Großeltern auf die Flucht mitgenommen haben, und die sie - worauf Unterstreichungen und Eselsohren hindeuten - gründlich studiert haben. Diese Einstellung der Großeltern stellt ihre "Opfergeschichte" von Krieg und Vertreibung in ein ambivalentes Licht.

Auch Musbach im Roman von Ulla Hahn lässt kein gutes Haar an "Parteibonzen, Goldfasane(n), großmäulige(n) Ideologen", die "überall die Oberhand" gewannen. Denn er selbst war kein Nazi, im Gegensatz zum Kompanieschützen Mertens. "Ein bösartiger Rassist" nennt ihn Musbach, "er war in Russland, um, wie er es nannte, einen ,Sumpf trockenzulegen, einen ,Sumpf von Untermenschen."[17] Der Unsympathischste ist der SS-Mann Katsch, den Musbach später erschießt. "Der Totenkopf auf seiner Mütze grinste mich an, als wolle er sagen: Siehst du, wir kriegen euch alle."[18] Während Musbach als unfreiwilliger Befehlsvollstrecker präsentiert wird, sind die "Nazis" im Roman - besonders die SS-Angehörigen - Überzeugungstäter. Sie werden als Sonderlinge, als eine Art "Missbildung" dargestellt.

Es lässt sich feststellen, dass die Konfliktlinie in den Argumentationen beider Autorinnen entlang der Frage verläuft, ob die Indoktrinierung im nationalsozialistischen Sinne die Regel oder die Ausnahme darstellte. Dabei geht es auch um die Beschäftigung mit der Frage nach den Grenzen der Freiheit und der Abhängigkeit in einem totalitären Staat. Obwohl die Kriegsziele im Russlandfeldzug in beiden Romanen als verbrecherisch anerkannt werden, herrscht keine Übereinstimmung bezüglich der Frage individueller Akzeptanz nationalsozialistischer Ideologie. Die Diskussion über die "saubere" bzw. ideologiefreie Wehrmacht geht auf der literarischen Ebene weiter.

Fußnoten

6.
Vgl. Wolfram Wette, Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden, Frankfurt/M. 2002; Omer Bartov, Hitler's army. Soldiers, Nazis, and War in the Third Reich, New York 1991; Klaus Latzel, Deutsche Soldaten - nationalsozialistischer Krieg? Kriegserlebnis - Kriegserfahrung 1939 - 1945, Paderborn 1998; Alexander Proskouriakov, Feldpost aus Stalingrad, Berlin 2004.
7.
Vgl. W. Wette (Anm. 6), S. 102ff.
8.
K. Latzel (Anm. 6), S. 371.
9.
Elena Senjavskaja, 1941 - 1945. Frontovoe pokolenie, Moskva 1995, S. 84.
10.
Vgl. Heinrich Böll/Lew Kopelew, Warum haben wir aufeinander geschossen?, Bornheim-Merten 1981.
11.
Ulla Hahn, Unscharfe Bilder, München 2003, S. 32.
12.
Vgl. O. Bartov (Anm. 6); Stephen G. Fritz, Hitlers Frontsoldaten. Der erzählte Krieg, Berlin 1998; W. Wette (Anm. 6).
13.
U. Hahn (Anm. 11), S. 37, 82, 207, 107.
14.
Ebd., S. 51.
15.
Tanja Dückers, Himmelskörper, Berlin 2003, S. 87.
16.
Ebd., S. 187.
17.
U. Hahn (Anm. 11), S. 90.
18.
Ebd., S. 265.

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