APUZ Dossier Bild

24.8.2009 | Von:
Elena Stepanova

Bilder vom Krieg in der deutschen und russischen Literatur

Indoktrinierung

Wie gehen russische Autoren mit der Frage nach der Rolle der Ideologie im Krieg um? Schon während der Perestroika wurden in der Sowjetunion Zweifel laut, ob der Glaube an das Regime tatsächlich so stark gewesen war, wie es die sowjetische Historiographie hatte glauben machen wollen, und ob patriotische Gefühle tatsächlich alle ergriffen hatten, was in Anbetracht der großen Zahl an Überläufern, Kollaborateuren und Deserteuren unwahrscheinlich ist. Die Macht von Angst und Einschüchterung - beides wichtige Faktoren im stalinistischen System - wird der "Patriotismusthese" entgegengesetzt, wie es im Roman "Verdammt und Umgebracht" von Viktor Astafjew der Fall ist.

Die Handlung des Romans spielt in einem sibirischen Ausbildungslager. Dort werden Kampfeinheiten formiert und auf die Front vorbereitet. Nach Astafjews Auffassung hatten die staatlichen Maßnahmen zur Hebung des Patriotismus keine besondere Wirkung. Der Hauptkonflikt verläuft im Roman nicht zwischen Deutschen und Russen, sondern zwischen dem Militär und den Politkommissaren. Im Roman sind die Kommissare Vertreter einer geheimen Parallelwelt, die mit dem Teufel einen Pakt geschlossen hat: "Hier wird Er, der Barmherzige, nicht aufhören, und wirft alle in die brennende Hölle, und wird die Kommissare nicht vergessen; sie, die ersten gottlosen Unruhestifter, wird er wahrscheinlich in der ersten Kolonne, in erster Linie, in die Hölle treiben, wird ihnen ihre roten Reithosen ausziehen und mit glühenden Stäben auf den Arsch schlagen. Und zu Recht, und zu Recht - verpestet nicht die Luft, verwirrt nicht das Volk, besudelt nicht den Glauben und den heiligen Namen Gottes!"[19]

Die "Politerzieher" sind bei Astafjew fast ausschließlich Juden, wodurch ihr "Fremdsein", ihre Andersartigkeit noch unterstrichen wird. Das scheußliche Äußere verstärkt die Wirkung dieses Bildes. Astafjew distanziert sich von der Tradition der offiziellen Darstellung, in welcher der politische Offizier, zuständig für ideologische Erziehung, üblicherweise mit seinem feurigen Wort die Rotarmisten zur Attacke treibt. Er verachtet diese Prediger, denn statt gegen die Deutschen zu kämpfen, verbrauchen sie die Munition gegen die eigenen Leute als Strafe, verhören diejenigen, die der Kriegsgefangenschaft entflohen sind und die nun als potentielle Verräter gelten, oder erschießen Unschuldige nach dem Befehl Stalins "Kein Schritt zurück".

Anders ist die Darstellung des Politkommissars im Roman "Die nackte Pionierin" von Michail Kononow, in dem der Krieg aus der Perspektive eines 14-jährigen Mädchens, Motte, gezeigt wird, die als "Regimentshure" agiert und diese Tätigkeit in ihrer Verblendung als Beitrag zum Sieg über den Faschismus mit stalinistischen Kampfparolen schönredet. Anfangs wehrt sie sich gegen die Zudringlichkeiten, schämt sich, will lieber sterben als "das" tun, aber dann nimmt sie der mächtige Kommissar Tschaban in die Mangel: "Die ganze Zeit bilde ich mir ein, ich hätte es mit einer fortschrittlichen, kampfgestählten Genossin zu tun, und wen sehe ich vor mir stehen? Eine schamlose Zimperliese. (...) R-r-reiß Dich zusammen, Töchterchen! (...) Es gibt ein Wörtchen, das heißt ,muss!"[20]

Die Haltung Kononows zu Tschaban und zu dem, was er propagiert, ist zwiespältig: Einerseits zeigt der Autor einen durchaus aufrichtigen Glauben an den Sieg, das Vaterland und seinen Führer. Die Hauptfigur Motte ist dafür das beste Beispiel. Andererseits zeigt er, dass sich mit diesen Slogans auch Dinge rechtfertigen lassen, die für einen Menschen unzumutbar sind - so wie Mottes "Dienst am Kollektiv". Der Zwang wurde von ihr so verinnerlicht, dass er als eigener Wille empfunden wird. Mottes Vorbild ist der Komsomolze Pawel "Pawka" Kortschagin, der Held des populären Romans "Wie der Stahl gehärtet wurde" von Nikolai Ostrowski aus der Frühzeit der Sowjetunion. Der Roman spricht von Selbsthingabe und fordert revolutionäre Askese. Alles wird geopfert, und wenn es nichts mehr zu opfern gibt, opfert man sich selbst. Diese Bereitschaft zur Selbstaufopferung erhält im Roman von Kononow zweierlei Bedeutung: Er würdigt die Kraft dieser Selbstlosigkeit und sieht darin die Erklärung für den sowjetischen Sieg. Gleichzeitig verdeutlicht er, dass diese Bereitschaft an Selbstzerstörung grenzt und die Persönlichkeit ruiniert.

So zeigen russische Autoren einen unterschiedlichen Grad an Akzeptanz staatlicher Propaganda durch Kriegsteilnehmer. Auf der einen Seite demonstriert Kononow am Beispiel von Motte die fatale Wirksamkeit staatlicher Indoktrination. Mottes Bewusstsein ist von sowjetischer Ideologie durchdrungen, und alle Denkstrukturen sind dieser Propaganda unterworfen, selbst ihre Selbstschutzmechanismen. Die Rekruten in Astafjews Roman bleiben dagegen von den Indoktrinierungsversuchen der Politkommissare unbeeinflusst und empfinden die politischen Erziehungsmaßnahmen als sinnlose Zeitverschwendung. Somit wird kommunistische Ideologie als Fremdkörper betrachtet und die sowjetische Epoche als Fremdherrschaft von "Kommunisten" und "Juden" stilisiert.

Fußnoten

19.
Viktor Astaf'ev, Prokljaty i ubity, Moskva 2002, S. 115.
20.
Michail Kononow, Die nackte Pionierin, München 2003, S. 171.

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen