30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Elke Grittmann

Das Bild von Politik: Vom Verschwinden des entscheidenden Moments

Das politische Bild hat an Bedeutung gewonnen. Die Strukturen und kulturellen Vorstellungen sind in einem Wandel begriffen, der das Bild von Politik radikal verändert: Emotionalisierung, Inszenierung und Digitalisierung sind die Stichworte.

Einleitung

Wenn im Laufe des Jahres 2009 Sondersendungen und Sonderausgaben der Medien zum 60. Jahrestag der Bundesrepublik erscheinen, wird vermutlich auch eine Fotografie immer wieder auftauchen, die den Beginn der jungen Republik auf dem Weg zur Souveränität symbolisiert. Am 15. September 1949 hatte der erste Deutsche Bundestag Konrad Adenauer zum Bundeskanzler gewählt. Als am 21. September 1949 das Besatzungsstatut in Kraft trat, stattete Adenauer den Vertretern der drei Besatzungsmächte - der Alliierten Hohen Kommission - seinen Antrittsbesuch ab. Die drei Hochkommissare, Brian Robertson, André François-Poncet und John J. McCloy, empfingen ihn, seinen persönlichen Referenten und einige Minister in ihrem Dienstsitz auf dem Petersberg bei Bonn. Im Empfangsraum war ein Teppich ausgerollt, auf dem die Hochkommisaare standen. Angeblich war vorab festgelegt worden, dass Adenauer den Teppich während der geplanten Ansprache nicht betreten sollte. Er tat dies dennoch.[1]




Aus diesem zunächst lapidar erscheinenden Schritt hat sich bis heute eine jener "symbolgeladenen Erzählungen"[2] entwickelt, die sich in den Gründungsmythos der Bundesrepublik einflechten. Adenauers Schritt stellte nach seiner Darstellung eine Herausforderung an die Hohe Kommission dar, der Bundeskanzler brachte damit seine politischen Ziele zum Ausdruck: im engen Sinn den Anspruch auf eine Begegnung Gleichberechtigter, im weiteren der Wunsch nach Wiedererlangung der Souveränität Deutschlands. Der heute als politisch bedeutsam eingestufte Akt Adenauers fand nur vor den Augen ausgewählter Personen statt. Die Entwicklung zu einem der Gründungsmythen der Republik ist auch darauf zurückzuführen, dass noch ein weiteres Auge anwesend war: ein Fotograf, der den "entscheidenden Moment"[3] im Bild festhielt und somit für die Nachwelt dokumentierte. Auch in Adenauers autobiografischen Erinnerungen[4] dient die Aufnahme als Beleg für politische Initiative und einen kühnen Schritt.

Politische Begegnungen mit Repräsentanten anderer Staaten gehören heute zum diplomatischen Alltag. Seit 1955 war die Bundesrepublik ein souveräner Staat. Mit Inkrafttreten des Zwei-Plus-Vier-Vertrags im März 1991 hat das wiedervereinigte Deutschland die volle Staatssouveränität erreicht. Im Gegensatz zu Adenauers mühsamem Schritt ist die politische Darstellung heute professionell durchorganisiert. Nicht nur die politischen Inhalte werden arrangiert und geplant, sondern auch die so genannten "Photo Opportunities": Das beginnt bei der Auswahl des Ortes und des Hintergrundes inklusive Schönwetter- und Schlechtwettervariante, geht über die Akkreditierungen der Fotojournalisten, die Platzierung der Fotografierten und der Fotografierenden und reicht bis hin zur Beleuchtung.

Das politische Begegnungsbild gehört auch international zum Bildrepertoire, um die Gleichberechtigung souveräner Staaten zu symbolisieren. In modernen Demokratien wie der Bundesrepublik ist es der Journalismus, der Politik beobachtet und mit seinen politischen Bildern in der Presse, den journalistischen Online-Angeboten und in Informationssendungen des Fernsehens, öffentliche Einblicke in das politische Geschehen bietet. Die scheinbar simple und unmittelbare Abbildungsleistung des Mediums hat dazu geführt, dass die Bedeutung der Pressefotografie für die politische Öffentlichkeit lange ignoriert worden ist. Mit der Visualisierungswelle der Presse seit Beginn der 1990er Jahre und des Internets auf der einen Seite und den immer professionelleren Inszenierungsformen politischer Akteure auf der anderen hat die Frage nach der Funktion politischer Bilder und ihrer medialen Logik in der Öffentlichkeit neue Relevanz erhalten.

Die Diskussion entspann sich jedoch vor allem im Kontext der Frage, ob inzwischen Darstellungs- und Herstellungspolitik völlig auseinanderfielen und Deutschland auf dem Weg in die Mediokratie[5] sei. Sie speist sich vor allem aus der Visualität diagnostizierter Symptome: symbolische Schein-, Image- und Eventpolitik.[6] In der Debatte wird jedoch die weitaus grundlegendere Frage aus dem Auge verloren: warum welches politische Angebot wie überhaupt öffentlich sichtbar wird. Pressefotografie lebt vom Realitätsbezug, der sie zunächst jeglichen tieferen Gehalts unverdächtig erscheinen lässt. Journalistische Fotos sind jedoch stets auch Deutung dessen, was sie zu zeigen vorgeben. Daraus ergibt sich nicht nur die Frage nach den Bedingungen und Mechanismen dieser Konstruktion. Für eine demokratische Öffentlichkeit ist weitaus entscheidender, welches Realitätsversprechen und welche kulturelle (Be-)Deutung von Politik uns diese Konstruktion bietet.

Jetzt, da die politische Pressefotografie verstärkt in den wissenschaftlichen wie öffentlichen Blick gerät[7] und so viele Bilder wie nie zuvor produziert werden,[8] befindet sie sich jedoch in einem Wandel, der vor allem auf den zunehmenden ökonomischen Druck, auf die Mediatisierung von Politik und die mit der Digitalisierung verbundenen Folgen zurückzuführen ist. Mehrere Indikatoren weisen darauf hin, dass sich das politische Bild grundlegend wandelt.

Fußnoten

1.
Vgl. Konrad Adenauer, Erinnerungen, 1954 - 1953, Stuttgart 1965, S. 233f., Foto S. 240.
2.
Andreas Dörner/Ludgera Vogt, Der Wahlkampf als Ritual. Zur Inszenierung der Demokratie in der Multioptionsgesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2002) 15 - 16, S. 15 - 22, hier: S. 18.
3.
Den Begriff hat der Fotograf Henri Cartier-Bresson geprägt. Vgl. Henri Cartier-Bresson, Der entscheidende Augenblick. 1952, in: Wolfgang Kemp (Hrsg.), Theorie der Fotografie. Bd. 3: 1945 - 1980, München 1983, S. 78 - 81.
4.
Vgl. K. Adenauer (Anm. 1).
5.
Vgl. Thomas Meyer, Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch die Medien, Frankfurt./M. 2001.
6.
Vgl. ebd.
7.
Vgl. zum Beispiel Thomas Knieper/Marion G. Müller (Hrsg.), Visuelle Wahlkampfkommunikation, Köln 2004; Benjamin Drechsel, Politik im Bild, Frankfurt/M.-New York 2005; Christina Holtz-Bacha/Thomas Koch, Das Auge wählt mit. Bildberichterstattung über Angela Merkel, in: Christina Holtz-Bacha (Hrsg.), Frauen, Politik und Medien, Wiesbaden 2008, S. 104 - 121.
8.
Allein die Nachrichtenagenturen haben ihr Bildangebot von 1998 bis 2005 versechsfacht. Vgl. Jürgen Wilke, Nachrichtenagenturen als Bildanbieter, in: Elke Grittmann/Irene Neverla/Ilona Ammann (Hrsg), Global, lokal, digital - Fotojournalismus heute, Köln 2008, S. 36 - 50, hier: S. 74f.