APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Elke Grittmann

Das Bild von Politik: Vom Verschwinden des entscheidenden Moments

Bedingungen und Mechanismen politischer Bildproduktion

Die bildgerechte Inszenierung politischen Handelns wie sie Adenauer vorgeführt hat, ist keineswegs ein Phänomen der modernen Demokratie. Seit der Antike haben die Vertreter von Staatsmächten ihre Ansprüche und politischen Ideen in visuellen Zeugnissen formuliert bzw. formulieren lassen. Das Bild der Politik ist über Jahrhunderte von Herrschenden als Auftraggeber in Porträts, Historienmalereien, Staatssymbolen etc. geprägt worden. Dem Sturz alter Systeme und der Etablierung neuer folgte stets der Wechsel der Zeichen und Symbole der Herrschaft, wobei häufig alte Motive in ein neues Gewand gekleidet wurden. Die Voraussetzungen politischer Bilder haben sich jedoch in modernen Demokratien grundlegend gewandelt:

1. Mit der Entstehung des modernen Journalismus hat sich seit dem 19. Jahrhundert eine Institution gebildet, die nach 1945 gefordert war, einen demokratisch legitimierten Diskurs innerhalb der Gesellschaft zu gewährleisten. Der Journalismus hat sich zu einem eigenständigen System entwickelt, das die Selbstbeobachtung der Gesellschaft und ihrer Umwelt ermöglicht und nach eigener Selektions- und Darstellungslogik Themen, Akteure und Ereignisse aufgreift und verarbeitet.[9] Die Richtschnur des Journalismus ist die Aktualität: Er liefert neue, faktenbezogene und gesellschaftlich bzw. für die entsprechenden Zielgruppen relevante Informationen.[10] Ein Blick in die Tages- und Wochenpresse, die Onlineangebote der Medien oder in TV-Nachrichtensendungen führt vor Augen, dass Öffentlichkeit nicht nur durch Sprache und Schrift hergestellt wird, sondern inzwischen insbesondere Fotografien eine ebenso entscheidende Rolle spielen. Auch wenn auf internationalen Fotowettbewerben wie den World Press Photo Jahr für Jahr aufs Neue individuelle Leistungen von Fotojournalisten prämiert werden, so sind diese Arbeiten doch gleichzeitig Zeugnis eines professionellen Berufsstandes, der ebenfalls seine eigene mediale Selektions- und Darstellungslogik ausgebildet hat: Strategien des Wirklichkeitsbezuges und der Bildästhetik ebenso wie eine eigene Bildikonografie.[11] Der Fotojournalismus und insbesondere die nachrichtenbezogene Pressefotografie sind Teil des Systems des Journalismus und aus diesem System heraus lässt sich die geradezu entfesselte Produktion politischer Bilder verstehen. Was dabei zum politischen Bild wird, ist nicht ontologisch zu bestimmen; im medialen Kontext kann einer Fotografie auch erst politische Bedeutung zugeschrieben werden.[12] Das wird vor allem dann relevant, wenn nicht politische Akteure, Institutionen oder politische Ereignisse zum Gegenstand der Aufnahme werden, sondern gesellschaftliche Themen, wie beispielsweise die Situation alter Menschen in Pflegeheimen. Diese Politisierung steht in der Tradition der sozialdokumentarischen Fotografie.

2. Nach sechzig Jahren Bilderpolitik in den Medien hat sich in Deutschland eine routinierte Bildberichterstattung von Politik entwickelt, die professionellen Normen und Regeln folgt. Dem Anspruch auf journalistische Objektivität folgt die professionelle politische Pressefotografie mit ihrer permanenten Einforderung der Authentizität. Authentizität ist dabei weder als inhärente Eigenschaft der Fotografie zu betrachten, noch muss der Anspruch darauf durch die neuen digitalen Manipulationsmöglichkeiten aufgegeben werden, welche die digitale Technik eröffnet. Im Gegenteil: Erst durch die Digitalisierung wurde deutlich, dass Pressefotos Konstruktionen darstellen wie andere Bilder auch. Ihr Wirklichkeitsbezug wird nicht durch das Medium, sondern durch Regeln und Konventionen bestimmt, unter welchen Bedingungen ein Bild als Bild der Realität gelten kann. Der Journalismus als gesellschaftliche Institution mit seinem Anspruch auf Glaubwürdigkeit versucht den postulierten Realitätsbezug durch professionelle Praktiken zu gewährleisten. Die vehement geführte Debatte über manipulierte Bilder (fake) in der Qualitätspresse macht den Anspruch auf Authentizität umso deutlicher.[13]


Die Arbeitstechniken finden ihren Ausdruck in einer Bildästhetik, welche die politische Fotografie in der Presse, von den Qualitäts- bis zu den Boulevardzeitungen bis heute prägt:
  • Auf starke Auf- und Untersichten wird weitgehend verzichtet. Die Fiktion des natürlichen Blicks des Betrachters auf Augenhöhe dominiert.
  • Unabhängig vom Inszenierungsgrad der Fotografierten erscheint das Bild von Politik als "unbewachter Augenblick", als sei der Fotografierte unbemerkt beobachtet worden.[14]
  • Unterstützt wird die "Authentizitätsfiktion"[15] durch den weitgehenden Verzicht auf künstliche Beleuchtung.
  • Selbst Kopfporträts werden als flüchtige, spontan aufgenommene Aufnahmen präsentiert.[16]
    3. Der Realitätsbezug der Bilder und ihr Anspruch auf Authentizität haben lange Zeit den Glauben aufrecht erhalten, der Bildgehalt bestünde allein in dem, was die Bilder zeigten. Auch Pressefotos sind jedoch "janusköpfige Phänomene"[17]. In der Tradition des Hamburger Kulturwissenschaftlers Aby Warburg unterscheidet Marion G. Müller den Abbild- und Denkbildcharakter von Bildern.[18] Auch in Pressefotografien verdichten sich die Vorstellungen und Ideen einer Zeit, die im "Kreislauf medialer Produktion und Rezeption"[19] zwischen politischen Akteuren, Fotojournalismus und Gesellschaft zirkulieren. Politische Bilder sind gleichermaßen Ausdruck einer eigenen visuellen politischen Kultur, welche die Entwicklungen des politischen Systems reflektiert. Das gilt nicht nur für das einzelne Werk, sondern wird gerade dann deutlich, wenn die Bildberichterstattung systematisch untersucht wird. Nur wenige Arbeiten liegen dazu vor. Zwei eigene empirische Studien zur politischen Bildberichterstattung zeigen, dass sich das Bild von Politik durch ganz spezifische Darstellungsmuster und spezifische Bildtypen[20] auszeichnet.[21]

    Generell lassen sich Porträts, Ereignisfotos und Sachaufnahmen unterscheiden. Politik im Bild, das ist zunächst das Bild der Exekutive, die wie keine andere Gruppe politischer Akteure in zahllosen Einzel- wie Gruppenporträts repräsentiert wird. Politik wird somit personalisiert, zur Angelegenheit einzelner Personen gemacht, die im Kontext der Berichterstattung Prominenz erlangen. Sie erscheinen gern im Habitus der Redenden, Politik wird als Diskurs visualisiert.

    Diese Ausrichtung auf den diskursiven Charakter von Politik setzt sich in den Aufnahmen fort, deren Fokus stärker auf Situationen und Handlungen als zentrales Bildmotiv liegt. Politik vollzieht sich als Rede, als informelles Gespräch, im Treffen und in der offiziellen Runde. Die viel zitierten Shakehands oder An- und Abfahrten stellen unerwarteterweise die Ausnahme unter den Bildmotiven der Tagespresse dar. Ergänzt wird der Diskurs durch Bildtypen, die eindeutig der symbolischen Politik zuzuordnen sind und sich weniger auf offizielle Staatsrepräsentationen, denn auf Legitimationsstrategien von Politikerinnen und Politikern konzentrieren. Zentral in der visuellen Kultur sind jene Aufnahmen, welche die Repräsentanten der Politik als "Mann des Volkes" oder "Frau des Volkes" zeigen, als Menschen von nebenan, die auch auf dem Markt einkaufen, im Urlaub wandern oder mit dem Fahrrad zum Reichstagsgebäude radeln.

    Ebenfalls verbreitet ist der Typus des fürsorglichen Volksvertreters bzw. der Volksvertreterin, die sich um gesellschaftliche Gruppen kümmern, indem sie sie vor Ort besuchen und sich ihnen zuwenden.[22] Zwei spezielle Varianten davon sind der Bildtypus vom "Bad in der Menge", das gleichzeitig als Gradmesser ihre Beliebtheit veranschaulicht, und der bekannte "Glad-to-See-You"-Typus:[23] das Bild der den Bürgerinnen und Bürgern zugewandten und zuwinkenden Politiker. Die Funktion dieser Bilder lässt sich nicht in Bezug auf die "Politikherstellung" erklären. Vielmehr werden hier von Politik wie Journalismus demokratische Vorstellungen von Repräsentanten des Volkes aktualisiert.

    Politik fängt jedoch weder beim politischen System an noch hört sie dort auf - das gilt auch für ihre visuelle Darstellung. Die Bedeutung der Interessenartikulation in Demokratien für die Herstellung allgemeinverbindlicher Entscheidungen schlägt sich vor allem in den Bildmotiven von Demonstrationen und symbolischen Protestaktionen nieder. Doch erst wenn sich gesellschaftliche Interessen öffentlich formieren, werden sie zum Bildthema. Ebenso ist die Herstellung von Ordnung, durch Polizei, Bundeswehr oder Feuerwehr, ein häufig wiederkehrender Bildtypus, der motivisch jedoch vom jeweiligen konkreten Ereignis abhängt (Katastrophen, Unfällen, Attentate). Der Darstellung der politischen Repräsentanten steht der Blick auf die Folgen von Politik gegenüber, die vor allem im Kontext von Kriegen, Konflikten oder politisch motivierten Attentaten, aber auch im Alltag erscheinen. Diese Ikonografie teilen sämtliche Zeitungen, allein in der Gewichtung unterscheiden sich die Medien deutlich voneinander. Politik im Bild ist in Deutschland keineswegs auf den Prozess der Politikformulierung und Entscheidung des engeren politischen Systems beschränkt. Gerade der Blick auf die gesellschaftlichen Interessen und Folgen verdeutlicht, dass die Bürgerinnen und Bürger hier selbst eine zentrale Rolle spielen und sich somit demokratische Vorstellungen von Politik auch im gesamten Bildrepertoire zeigen.

    Viele dieser Bildtypen haben eine lange ikonografische Tradition in der Presse. Doch die Studien haben auch deutliche Hinweise auf Tendenzen gebracht, die auf einen grundlegenden Wandel hinweisen.[24]

  • Fußnoten

    9.
    Vgl. Bernd Blöbaum, Organisationen, Programme und Rollen. Die Struktur des Journalismus, in: Martin Löffelholz (Hrsg.), Theorien des Journalismus. Ein diskursives Handbuch, Wiesbaden 20042, S. 201 - 216.
    10.
    Vgl. Armin Scholl/Siegfried Weischenberg, Journalismus in der Gesellschaft. Theorie, Methodologie und Empirie, Wiesbaden 1998, S. 78.
    11.
    Vgl. Elke Grittmann, Das politische Bild. Fotojournalismus und Pressefotografie in Theorie und Empirie, Köln 2007.
    12.
    Zur ausführlichen Erörterung und Definition vgl. B. Drechsel (Anm. 7), S. 74ff.
    13.
    Vgl. Alfred Büllesbach, Digitale Bildmanipulation und Ethik. Aktuelle Tendenzen im Fotojournalismus, in: E. Grittmann/I. Neverla/I. Ammann (Anm. 8), S. 108 - 136.
    14.
    Vgl. Karin Becker, Where is Visual Culture in Contemporary Theories of Media and Communication?, in: Nordicom Review, 25 (2004) 1 - 2, S. 149 - 158.
    15.
    Christian Schicha, Die Inszenierung von Authentizität und Emotionen, in: Thomas Knieper/Marion Müller (Hrsg): Authentizität und Inszenierung von Bilderwelten, Köln 2003, S. 25 - 41.
    16.
    Zu allgemeinen Konstruktionsprinzipien der Pressefotografie vgl. Dona Schwartz, To Tell the Truth. Codes of Objectivity in Photojournalism, in: Communication, 13 (1992) 2, S. 95 - 109. Vgl. auch E. Grittmann (Anm. 11), S. 351ff.
    17.
    Marion G. Müller, Grundlagen der visuellen Kommunikation, Konstanz 2003, S. 20.
    18.
    Vgl. ebd.
    19.
    Margreth Lünenborg/Elisabeth Klaus, Der Wandel des Medienangebots als Herausforderung an die Journalismusforschung. Plädoyer für eine kulturorientierte Annäherung, in: Medien & Kommunikationswissenschaft, 48 (2000) 2, S. 188 - 211.
    20.
    Zu Ikonografie und Bildtypus vgl. Erwin Panofsky, Sinn und Deutung in der Bildenden Kunst, Köln 1978.
    21.
    Berücksichtigt werden hier nur Personen- und Situationsfotos. Sachaufnahmen werden zwar vereinzelt publiziert, hier lässt sich jedoch aufgrund der Vielzahl der Motive keine Ausbildung einer eigenen Ikonografie beobachten. Vgl. E. Grittmann 2007 (Anm. 11), S. 362ff.; dies., Nachrichtenfotografie zwischen Publikumsorientierung und Kostenzwang. Strategien und aktuelle Tendenzen am Beispiel von FAZ und SZ, in: dies,/I. Neverla/I. Ammann (Anm. 8), S. 221 - 237.
    22.
    Diese Strategie wurde auch im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf identifiziert. Vgl. Marion G. Müller, Visuelle Wahlkampfkommunikation. Eine Typologie der Bildstrategien im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, in: Publizistik, 42 (1997) 2, S. 205 - 228.
    23.
    Vgl. Carl Glassman/Keith Kenney, Myths & Presidential Campaign Photographs, in: Visual Communication Quarterly, 1 (1994) 1, S. 4 - 7.
    24.
    Vgl. E. Grittmann (Anm. 10).