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APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Hans-Jürgen Pandel

Schrift und Bild - Bild und Wort

Visuell dargestellte kulturelle Gehalte werden stets mit Hilfe von Sprache dekodiert. Maßgeblich dafür sind die häufig nicht beachteten Schwächen von Bildern. Deshalb wird ihnen stets Schrift beigegeben: im Bild selbst, unter dem Bild und um das Bild herum.

Einleitung

Schrift und Bild gelten allgemein als Konkurrenzmedien, obwohl sie so zusammengehören wie zwei Seiten einer Medaille. Historisch gesehen, erscheinen Bilder 25 000 Jahre vor der Schrift. Die Höhlenbilder des Paläolithikums sind zwischen 30 000 und 20 000 Jahren vor Chr. angefertigt worden, die Schrift entstand dagegen erst im 4. Jahrtausend vor Chr. Man muss schon bis zu analphabetischen Gesellschaften zurückgehen, um Bilder ohne Schrift zu finden.[1]




Während Schrift und Bild zeitlich auseinander gehalten werden können, ist das bei Bild und Wort nicht so einfach. Gesellschaften ohne Schrift sind noch lange keine Gesellschaften ohne Sprache. Auch in oralen Kulturen wurden Bilder hergestellt; es gibt wohl keine bilderproduzierende "Gesellschaft" ohne Sprache. Es existieren zwar Bilder, die ohne einen schriftlichen Kontext entstanden sind, aber wohl kaum Gesellschaften ohne Sprache. Bilder entstehen in einem sprachlichen Kontext und werden auch nur in einem solchen wahrgenommen. Sie ergeben nur in einem sprachlichen Kontext Sinn: in einem diskursiven Rahmen.

In pädagogisch-didaktischer Tradition wird dieser Zusammenhang nicht akzeptiert. Das Bild gilt vielmehr als rivalisierender Konkurrenzmodus, dem eine größere Potenz zugesprochen wird als der Sprache. Die Bilder könnten alles, was Sprache auch kann und darüber hinaus noch viel mehr. Diesen pädagogisch-didaktischen Irrtum gibt es seit dem ersten pictorial turn bei Johann Amos Comenius (1592) und Johann Bernhard Basedow (1723 - 1790). Für beide sind allgemeine Wahrnehmungsfähigkeit und "piktorale Kompetenz" (Arthur C. Danto) identisch. Sie holen nur mittels Bild die Sachverhalte heran, die räumlich und zeitlich fern liegen. Es ist ein räumlich und zeitliches "Nahebringen". Dafür steht der pädagogisch-didaktische Begriff der "Anschauung". Den Tätigkeiten von Lehrern, Fachjournalisten, Buchautoren und Ausstellungsdesignern ist Didaktik eingeschrieben. Sie wollen "vermitteln": Wissen, Einsichten und Erkenntnisse.

Im Folgenden wird das Verhältnis von Sprache und Bild an zwei Problemkreisen untersucht.[2] Erstens wird es darum gehen, inwieweit Sprache und Bild strukturell äquivalent sind, (Der Sprachanalytiker Danto fragt, ob alles, was gesagt werden kann, auch gezeigt werden könne. Wenn das nicht der Fall ist, dann muss das Verhältnis beider Repräsentationsmodi - Abbildung und Beschreibung - angegeben werden können).[3] Zweitens wird es darum gehen, wie Sprache und Bild aufeinander bezogen werden. Der amerikanische Theoretiker William J. T. Mitchell untersucht dieses Problem anhand der Metapher von der "Vernähung" von Text und Bild.[4] Dieses sprachliche Bild ist unzutreffend. Oft scheitert der Nähversuch, die Naht platzt auf; sie ist schlecht vernäht und der Gebrauch (Lesen und Betrachten) lässt sie wieder aufplatzen. Offen bleibt, wer der Akteur der Vernähung ist; der Betrachter vernäht selber, aber anders als der Autor des Mediums, der Zeitungsredakteur oder Schulbuchautor es gemeint haben. Und der Leser entdeckt die Naht oft gar nicht.

Dieses Problem wird im Folgenden nur an einen kleinen Teil der Kompositmedien - Medien, die aus Bildern und Text bestehen - dargestellt. Es geht nur um bestimmte Printmedien: Zeitungen, Illustrierte, Sach- und Schulbücher; andere, bei denen dieses Problem auch auftaucht (Film, Cartoon, Comic, Werburg, Plakat, Theater), werden hier nicht einbezogen.

Fußnoten

1.
Vgl. Roland Barthes, Die helle Kammer, Frankfurt/M. 1984.
2.
Vgl. Hans-Jürgen Pandel, Bildinterpretation, Schwalbach/Ts. 2008.
3.
Vgl. Arthur C. Danto, Abbildung und Beschreibung, in: Gottfried Boehm (Hrsg.), Was ist ein Bild?, München 1994, S. 125 - 147.
4.
Vgl. William J. T. Mitchell, Bildtheorie, Frankfurt/M. 2008.