APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Hans-Jürgen Pandel

Schrift und Bild - Bild und Wort

Zuschreibungen

Viele Begriffe, Topoi und Redensarten verweisen bis heute auf ein ungeklärtes Verhältnis von Sprache und Bild. Im Begriff Photographie sehen wir schon gar nicht mehr den Bezug zur Schrift, obwohl er wörtlich übersetzt "Lichtschrift" bedeutet. Definitionen werden sowohl zur Abgrenzung als auch durch den Vergleich mit Sprache vorgenommen. Angeblich können Bilder reden, erzählen, verleumden und lügen. Wenn das der Fall wäre, wären sie eine besondere Form von Rede, Erzählung, Verleumdung und Lüge. Sie wären Sprechakte, sprachliche Handlungen, die all das vollziehen können, was Sprache auch kann, und damit eigentlich überflüssig. Was wäre dann ihr "Mehrwert",[5] wenn Bilder das alles können würden?

Bilder werden vier sprachliche Handlungsakte zugeschrieben. Wobei man nicht übersehen darf, dass es sich dabei um Metaphern handelt.

Das Bild als Plappermaul: Kurt Tucholskys Formulierung, ein Bild sage mehr als tausend Worte (in der Formulierung von Mitchell: ein "Bild ist mehr als tausend Worte wert") ist eine solch missverständliche Metapher. Der Ausdruck, ein Bild sage mehr als tausend Worte, hat nur in einem eng begrenzten Sektor seine Berechtigung. Ein Bild ist "unaussprechlich". Wollte man das, was es darstellt, in Worte fassen, müsste man ein dickleibiges Buch schreiben. Es müsste jede Linie, Fläche, müsste Farben, Posen Gesten Perspektiven beschreiben: sprachlich ausdrücken. Abgesehen von diesem technischen Problem der Übersetzung fehlen uns auch in anderem Sinne die Worte, um Anmutungen in Sprache zu fassen. Einem durchschnittlich sprachbegabten Betrachter gehen die Worte aus, es verschlägt ihm vielmehr die Sprache. Das heißt aber nicht, dass das Bild redet, sondern dass der Betrachter unendlich viele Worte benötigen würde, um es auszubuchstabieren.

Das Bild als Lügner und Verleumder: Das Bild als Verleumder wurde im Zusammenhang mit der Kriegspropaganda des Ersten Weltkrieges entdeckt. Es waren nicht nur die Kriegspostkarten, sondern die Bilder der Kriegsgegner, durch die man sich verleumdet fühlte. Bilder lügen und verleumden - so Ferdinand Avenarius.[6] Doch das ist falsch: Personen lügen, Gegenstände nicht. Eine Lüge ist eine sprachliche Operation, dennoch gibt es eine lange Diskussion über lügende Bilder.[7] Eine Lüge bewirkt die Täuschung, die Irreführung eines anderen. So gesehen kann auch ein Bild einen Betrachter täuschen. Aber es ist nicht das Bild, sondern der Maler, der Retuscheur, der den Betrachter täuscht. Der die Lüge enthaltene Satz ist ja - ebenso wenig wie das Bild - nicht der Lügner, sondern der diesen ausspricht: der Sprecher. Also lügt nicht das Bild, sondern der "Bildmacher". "Photographien lügen nie, nur Photographen lügen."[8] Dass ein Maler mit Bildern lügen kann, ist unstrittig, aber dass die Bilder selbst lügen können, muss bezweifelt werden. Allerdings sprechen wir nur dann von lügenden Bildern, wenn wir Photographien meinen. Der Topos der lügenden Bildern ist somit eng an die Fotografie gebunden, weil nur ihr die Eigenschaft "objektiv" zugesprochen wird. Nie sprechen wir von Lügen, wenn Anton von Werner sich selbst (1870) in ein Bild vom Reichstag zu Worms (1521) hineinmalt.

Das Bild als Erzähler: Bildern wird die Fähigkeit zugeschrieben, erzählen zu können.[9] Diese vermeintliche Fähigkeit basiert auf der sprachlichen Parallelüberlieferung. Angeblich erzählen sie griechische Mythen, Homers Epen, die biblische Geschichte etc. Doch nicht das Bild erzählt, sondern der Betrachter erzählt sich selbst die Geschichte, die ihm schon durch mündliche Überlieferung oder Schrift bekannt ist. Deutsche Soldaten fotografierten im ersten Weltkrieg von einem Ereignis selten ein einzelnes Bild, sondern meist ganze Sequenzen. Sie fotografierten einen Ablauf und keinen Zustand, sie selbst wollten später mit Bildern erzählen. So hat Gerhard Groenefeld von der Geiselexekution in Pancevo 50 Fotos gemacht.[10]

Das Bild als Text: Da das Bild als sprachbegabtes Wesen angesehen wird, liegt die Vermutung nahe, dass man die "Rede" des Bildes auch als Texte lesen könne. Aufgrund dieser dem Bild zugeschriebenen Sprachhandlungen wird das Bild zum Buch erklärt, das der Betrachter lesen könne. Ein Bild zu "lesen", aus ihm Sinn zu entnehmen, ist aber nicht identisch mit hermeneutischer Deutbarkeit, wie sie die Sprache benutzt. Es gibt keine strukturelle Parallele zwischen piktoraler und sprachlicher Kompetenz. Hier liegt noch ein Forschungsdesiderat. Im "linguistic turn" haben die qualitativen Methoden Fortschritte gemacht, sie bezogen sich in erster Linie auf Texte.[11] Bildinterpretation war (und ist) noch ein Stiefkind qualitativer Methoden in den Sozialwissenschaften.[12]

Fußnoten

5.
Ders., Der Mehrwert von Bildern, in: ders.: Bildtheorie, Frankfurt/M. 2008 S. 278ff.
6.
Vgl. Ferdinand Avenarius, Das Bild als Verleumder, München 1915.
7.
Vgl. Bilder, die lügen, Ausstellungskatalog, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2003; Alain Jaubert, Fotos, die lügen. Politik mit gefälschten Bildern, Frankfurt/M. 1989.
8.
Bernd Stiegler, Bilder der Photographie, Frankfurt/M. 2006, S. 135.
9.
Vgl. Helmut Altrichter (Hrsg.), Bilder erzählen Geschichte, Freiburg 1995.
10.
Vgl. Dieter Reifarth/Viktoria Schmidt-Linsenhoff, Die Kamera der Henker. Fotografische Selbstzeugnisse des Naziterrors in Osteuropa, in: Fotogeschichte, 7 (1983) S. 57 - 71.
11.
Vgl. Tom Kinde/Timann Köppe (Hrsg.), Interpretationstheorien, Göttingen 2008.
12.
Ralf Bohnsack u.a. (Hrsg.), Hauptbegriffe qualitativer Sozialforschung. Ein Wörterbuch, Opladen 2003, S. 18ff.