APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Hans-Jürgen Pandel

Schrift und Bild - Bild und Wort

Schwächen und Defizite

Die angeführte angebliche Sprachbegabung des Bildes und seiner Lesbarkeit beruht darauf, dass ihm alle möglichen Stärken bzw. Leistungen zugesprochen werden, die es aber nicht besitzt. Seine Schwächen sind bislang nur unzureichend analysiert worden. Wenn Bilder als eine Art Schrift angesehen werden, taucht eine Reihe von Problemen auf, die auf einem bestimmten Unvermögen der Bilder beruhen.

Bilder - gemeint sind hier stets Einzelbilder - sind nicht-narrative Medien. Sie können weder erzählen noch Entwicklungen darstellen. Nur durch besondere Techniken und sprachliche Einbindungen sind sie in der Lage, dem Betrachter einen narrativen Zusammenhang nahe zu legen. Erzählen muss dieser aber selbst. Aus der Sicht des Historikers sind Bilder zeitlos. In ihnen ist die Zeit eingefroren: es herrscht Gleichzeitigkeit. In der Sprache wird eine Geschichte nacheinander erzählt, im Bild erscheinen die Ereignisse gleichzeitig. Ein Vorher und Nachher, das es erlaubte, zu erzählen, muss erst hergestellt werden. Im Bild wird jeder Prozess zu einem Zustand und jede menschliche Handlung zu einer Pose. Wie die analytische Sprachphilosophie gezeigt hat, besteht eine Erzählung aus sprachlichen Operationen; dabei werden mindestens zwei zeitdifferente Ereignisse sinnbildend miteinander verbunden.[13]

Dass wir dennoch häufig den Eindruck haben, Bilder erzählten, beruht auf dem Prozess des Selbsterzählens mit den Mitteln des schlussfolgernden Denkens. Bei einem Bild von einem Auto mit eingebeulter Motorhaube schlussfolgern wir auf die Vorgeschichte dieses Bildes. Es muss ein Unfall geschehen sein, und vermutlich wird eine Reparatur folgen.

Bilder stellen stets konkrete Sachverhalte dar und können keine Abstraktionen und Begriffe bilden. Auf ihnen sind Ereignisse, Personen, Gegenstände, Landschaften und Orte zu sehen. Armut und Reichtum sind nicht darstellbar, nur kostbar oder ärmlich gekleidete Menschen. Auch "Krise" und "Streik" lassen sich nicht darstellen, erst recht nicht formale Begriffe wie Identität oder Kausalität. Dass die konkreten Dinge, die das Bild darbietet, von uns in Begriffen gedacht wird, ist eine Leistung unseres Verstandes und nicht des Bildes selbst.

Genau so wenig wie Bilder generalisieren können, können sie individualisieren, das heißt, sie können keine Eigennamen darstellen. Dass eine dargestellte Person Otto von Bismarck, Martin Luther oder Angela Merkel heißt, geht aus dem Bild selbst nicht hervor, vielmehr handelt es sich beim Erkennen der jeweiligen Person um (durch einen vorhergehenden assoziativen Lernprozess) erworbenes Wissen. Namensgeber der dargestellten Personen ist entweder der Betrachter selbst oder es gibt eine Bildlegende. Das gleiche Problem ergibt sich bei Bildern von Orten (das Lechfeld, Schlacht an der Marne, Schlacht bei Grundwald).

Bilder sind auch unfähig, Negationen auszudrücken; sie können nicht sagen, dass etwas nicht der Fall ist. Diese zentrale Leistung der Sprache vermag das Bild nicht hervorzubringen. In seinem sprachanalytischem Vergleich von Sprache und Bild fragt Danto, ob es "negative Bilder" geben könne, also "Negationen, die in den Bildern abgebildet werden".[14] Diese Möglichkeit wird verneint.

Bilder können auch nur begrenzt quantifizieren und deshalb auch keine Aussagen über die Häufigkeit von Ereignissen machen. Ob ein dargestelltes Ereignis "einmalig" war oder "häufig" vorgekommen ist, kann im Bild nicht ausgedrückt werden. Auch die Begriffe "alle" oder "wenige" lassen sich nicht bildlich fassen. Und schließlich verzerren Bilder die Proportionalität von Welt, da sie in der Regel verkleinerte Abbildungen außerbildlicher Sachverhalte sind. Beim Aufkommen der "Großen Maschinerie" im 19. Jahrhundert wurden auf Fotografien neben die großen Maschinen, damals nie zuvor gesehene Wunderwerke der Technik, immer ein Mensch zum Größenvergleich gestellt. Umgekehrt werden Dinge, die das bloße Auge ohne Hilfsmittel nicht wahrnehmen kann, im Bild mit einem Maßstab wiedergegeben ("Mikrofotografie").

Diesen Schwächen des Bildes suchte man mit bildimmanenten und bildeigenen Mitteln zu begegnen. Es entwickelten sich diskursive Konventionen, die das bildnerischer Unvermögen ausgleichen sollten. Die mittelalterlichen Simultanbilder zeigen mehrere Phasen eines Vorganges innerhalb des gleichen Bildrahmens (vgl. Bild 1 der PDF-Version).

Bei dieser Technik handelt es sich um eine Vorform der Bildgeschichte, da es sich ja im Grunde um zwei bzw. drei Bilder handelt. Eigennamen werden durch Bildzeichen kenntlich gemacht. Das gilt besonders für solche Personen, von denen wir kein authentisches Bildnis besitzen. Den bildlichen Darstellungen der Evangelisten beispielsweise sind Tiere zugeordnet (Adler, Stier, Löwe). Handwerker werden durch typische Werkzeuge kenntlich gemacht; nationale Zugehörigkeiten durch Klischees (etwa Baskenmützen zur Kennzeichnung von Franzosen) oder abstrakte Begriffe wie "Gerechtigkeit" durch eine Frau mit verbundenen Augen. Aber das alles sind keine Leistungen des Bildes selbst, sondern beruhen auf vorgängigen assoziativen Lernprozessen.

Fußnoten

13.
Vgl. Arthur C. Danto, Analytische Philosophie der Geschichte (1965), Frankfurt/M. 1974.
14.
Vgl. A. C. Danto (Anm. 3), S. 147.