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29.6.2009 | Von:
Everhard Holtmann

Signaturen des Übergangs

Der Prozess der deutschen Einigung wird als Entwicklungspfad dargestellt, auf dem sich die drei Phasen der Transition, Transformation und Posttransformation unterscheiden lassen.

Einleitung

Systemwechsel stellen elementare Einschnitte dar, zumal dann, wenn sie in Politik und Wirtschaft zeitlich synchron erfolgen und von heftigen sozialen Verwerfungen begleitet werden. Vom Wandel erfasst werden dabei nicht nur staatliche Institutionen und parastaatliche Einrichtungen wie der Bereich sozialer Sicherung, sondern auch der gesamte ökonomische Sektor, ferner kulturelle Deutungsmuster und persönliche Überzeugungen. Ebenso greifen Systemwechsel der beschriebenen Größenordnung einschneidend in die Lebenslagen der Betroffenen ein. Aus deren Sicht werden vormals sicher geglaubte Entwürfe individueller Lebensplanung häufig entwertet; folglich müssen auch solche biographischen "Skripte" im Alltag unter Bedingungen anhaltend hoher Unsicherheit überarbeitet werden.






Welche Richtung die Verdichtungen nehmen, die sich im Zuge des Systemwechsels herausbilden, und ob gemachte Reformschritte unumkehrbar sind, lässt sich nicht exakt vorhersagen. Die Ausgangssituation des Systemumbruchs ist mit Blick auf das "Danach" eine prinzipiell offene Versuchsanordnung. Der anschließende Entwicklungspfad kann, wie ein vergleichender Blick auf die postsozialistischen Transformationsstaaten in Europa seit 1989 anschaulich zeigt, durchaus unterschiedlichen, ja gegenläufigen Wegmarken folgen. Aus demselben epochalen Systemwechsel heraus sind teilweise "defekte" Demokratien (wie in Albanien) und teilweise auch zu Autokratien sich zurückentwickelnde Präsidialregime (wie in Weißrussland) entstanden.

Aus der deutschen Einigung indes ist, trotz des auch hier enorm schwierigen Strukturwandels und fortdauernden Anpassungsbedarfs, eine wirtschaftlich leistungsfähige und politisch stabile Demokratie hervorgegangen. Das nunmehr gesamtdeutsche Institutionengefüge erweist sich unter ökonomisch wie psychologisch problematisch bleibenden Umfeldbedingungen als hinreichend elastisch, um die Fliehkräfte sozialer Ungleichheit aufzufangen.

Doch bekanntlich ist die deutsche Einheit, über zwei Jahrzehnte betrachtet, sprunghaft, erratisch und auch widersprüchlich verlaufen. Es gab nicht den großen historischen Plan, der abzuarbeiten war. Gleichwohl hat der Systemwechsel eine zielgerichtete Entwicklung genommen, die heute das Stadium einer weitgehend konsolidierten Demokratie und Marktwirtschaft erreicht hat. Dies weist darauf hin, dass die Entwicklung eben nicht zufallsbedingt ("kontingent") verlaufen ist, sondern wesentlich als ein Ergebnis von bedachten Steuerungsleistungen handelnder Personen angesehen werden muss. Wenn solche strategischen Eingriffe für eine nachhaltige Umbildung und Neubildung der Institutionen sorgten, haben sie wiederholt den Übergang zu einer neuen Phase im Verlauf des Systemwechsels eingeleitet.

Wo aber können wir auf der Zeitachse der Einigung "Signaturen" derartiger Übergänge auffinden? Unter Signaturen verstehen wir Zeichen, die Eigenheiten von Zeiten deutlich machen und sie von anderen unterscheiden. Solche Zeit-Zeichnungen bilden selten statische Punkte als vielmehr häufiger gleitende Prozessgrößen ab. Sie streuen territorial über die Ebenen von Bund, Ländern und Kommunen und sektoral über Politikfelder und einzelne Wirtschaftsbranchen. Demgemäß sind sie ungleichzeitig, gleichsam in verschobener historischer Anordnung entstanden.

Signaturen, die im Fortgang des Einigungsprozesses Übergänge markieren, entstehen aus anerkannten Regulativen sozialen Geschehens. Diese unterscheiden sich nach ihrer Zwecksetzung und Sinngebung: Es gibt strukturelle Leitentscheidungen, die auf den Wandel formaler Institutionen (Verfassung, Recht, kollektive Organisationen) abheben. Eingebettet in diese verstetigen sich informale Handlungsmuster, die für steuernde Akteure - etwa die neuen politischen Delegationseliten in Ostdeutschland - ein ungeschriebenes, aber wichtiges Regiebuch liefern. Unterhalb der Ebene rational-strategischen Handelns existieren generalisierte Verhaltensmuster, welche in Krisenzeiten die Funktion von Seelenankern haben: Wer im Gefolge des Umbruchs "umlernen" muss und sich dabei vormals unbekannten Risiken des Arbeitsplatzverlusts und des sozialen Abstiegs gegenüber sieht, greift für die Deutung von Dissonanzen, die zwischen eigenen subjektiven Erwartungen und objektiv erfahrenen Enttäuschungen aufbrechen, bevorzugt auf elementare sozialmoralische Normen zurück, weil diese vermeintlich auf ewig gültig ansagen, "was recht ist" und "was Not tut".

Kulturelle Orientierungen, die unangreifbar scheinen wie letztere, bringen sich in Zeiten des Umbruchs mit der Kraft moralischer Ewigkeitsklauseln in Erinnerung. Das kann die Demokratiebildung fördern, aber auch erschweren. Ostdeutschland bestätigt dieses ambivalente Bild: Einerseits ist hier die Anzahl der Bürgerinnen und Bürger, die meinen, es gehe in unserer Gesellschaft nicht "gerecht" zu, seit langem besonders groß. Auf dem kargen Boden gefühlter Benachteiligung findet das Grundvertrauen in demokratische Institutionen ungünstige Wachstumschancen vor. Andererseits aber pflegen Ostdeutsche häufiger einen Wir-Sinn, ein Verständnis von Gemeinschaftsgeist, das stärker als in Westdeutschland in abstrakten Leitbildern des Sozialen gründet. Wohl lässt, wer sich auf "das allgemein Menschliche" als Prinzip für sein soziales Verhalten zurückzieht, damit erkennen, dass er sich auf das neue Angebot an institutionalisierten sozialen Mitwirkungsmöglichkeiten (noch) nicht vorbehaltlos einlassen mag. Doch auch das "eher ideelle Bild vom Wir", das dabei gepflegt wird, verringert keineswegs dramatisch die Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement.[1]


Fußnoten

1.
Vgl. Michael Corsten/Michael Kauppert/Hartmut Rosa, Quellen bürgerschaftlichen Engagements, Wiesbaden 2008.