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29.6.2009 | Von:
Regina Bittner

Kulturtechniken der Transformation

Im Zuge der Transformation führt "Ostdeutschland" als hybrides Konglomerat von Wertvorstellungen und Erinnerungen ein Eigenleben, das weniger auf die DDR verweist als auf einen Schwebezustand.

Einleitung

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer wird bilanziert, was aus dem neuen Deutschland geworden ist und welche Gesellschaft sich zwei Jahrzehnte nach dem Freudentaumel am Brandenburger Tor formiert hat. Unter der Überschrift "Noch nicht angekommen" berichtete die "Berliner Zeitung" schon im Januar des Jubiläumsjahres, dass "im 20. Jahr nach dem Mauerfall (...) Deutschland von einer inneren Einheit noch meilenweit entfernt" sei: "Nur 22 Prozent der Ostdeutschen sehen sich einer repräsentativen Umfrage zufolge als richtige Bundesbürger. 62 Prozent hingegen empfinden sich in einer Art Schwebezustand - der DDR nicht mehr verbunden, aber der Bundesrepublik auch nicht richtig zugehörig. Eine stärkere Identifikation mit der Bundesrepublik gibt es nur bei den unter 25-Jährigen (40 %), mit jedem weiteren Lebensjahr nimmt sie ab. Aber nur elf Prozent, etwa jeder neunte, will die DDR zurück."[1]




Immer wieder geht es, wenn der Zustand der wiedervereinten Nation im öffentlichen Diskurs bewertet wird, um "Ankunft". Tatsächlich waren die Bewohnerinnen und Bewohner der neuen Bundesländer im Zuge der gesellschaftlichen und politischen Transformation nach 1990 gezwungen, sich zu bewegen; in ihren Wertvorstellungen und Deutungsmustern, in ihren Jobs, Gewohnheiten und Weltsichten, in ihren Berufen und Wohnorten. Für die ehemaligen DDR-Bürgerinnen und -Bürger hat sich quasi über Nacht die komplette Lebenswelt verändert: Institutionen, Regeln, Konventionen, Verhaltensmuster, Konsumgüter, Lebensstile. Toralf Staud behauptet, dass den Ostdeutschen 1990 das widerfuhr, was in der Migrationsliteratur als Kulturschock bezeichnet wird. Dass sie ihr Land dabei nicht verlassen haben, macht die Umstellung wahrscheinlich nicht einfacher. Die Ostdeutschen sind vergleichbar den Migranten tatsächlich in einer "fertigen" Gesellschaft mit etablierten Strukturen und Institutionen gelandet, die wenig Interesse an den Ressourcen der Hinzugekommenen hatte. Begriffe wie Ankunft und Integration, die regelmäßig in der öffentlichen Debatte aufgegriffen werden, deuten darauf hin, dass sich die Effekte der Wiedervereinigung vielleicht besser verstehen lassen, wenn man sie als Migrationsprozesse zu beschreiben versucht.

Der Prozess der "Akkulturation" verläuft dabei in verschiedenen Phasen: Selbstethnisierung ist ein wesentliches Moment der Verarbeitung des Kulturschocks. Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen des Gastlandes, das Gefühl fremdbestimmt zu sein und als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden, auch das verbindet die weit verbreitete Erfahrung Ostdeutscher in den 1990er Jahren mit dem Schicksal von Migranten. Vor diesem Hintergrund findet der Rückbezug auf die vertraute Kultur und die Identifizierung mit einer Gruppe statt. Erst nach der "Ankunft" im neuen Land, so stellen Migrationsforscher fest, beginnen Einwanderer ihre Ethnizität zu beschreiben.[2]

Im Folgenden wird es darum gehen, die Neuerfindung Ostdeutschlands nach 1990 auf nationaler und lokaler Ebene zu diskutieren und zu fragen, wie diese Erfahrungen und Ressourcen in den gesamtdeutschen Kontext hineinwirken können.

Fußnoten

1.
Berliner Zeitung vom 21.1. 2009, in: www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/20 (3.5. 2009).
2.
Vgl. Toralf Staud, Die ostdeutschen Immigranten, in: Tanja Busse/Tobias Dürr (Hrsg.), Das Neue Deutschland. Zukunft als Chance, Berlin 2003, S. 269ff.