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29.6.2009 | Von:
Anna Klein
Wilhelm Heitmeyer

Ost-westdeutsche Integrationsbilanz

Benachteiligungsgefühle: Relative Deprivation

Ähnlich wie die Theorie Sozialer Desintegration argumentiert auch die Theorie Relativer Deprivation.[5] Darin wird jedoch nicht die objektive Teilhabemöglichkeit von Personen in den Mittelpunkt gerückt, sondern die relative Position von Personen oder Gruppen innerhalb einer Gesellschaft. Es geht hier um die subjektive Wahrnehmung, im Vergleich zu anderen ungerechtfertigt benachteiligt zu sein. Unterschieden wird die individuelle relative Deprivation, der Vergleich der persönlichen Situation mit der Lage anderer Personen aus der eigenen Gruppe ("Persönliche Lage im Vergleich zu anderen Deutschen") und die fraternale relative Deprivation, der Vergleich der Eigengruppe im Vergleich zur Situation einer anderen Gruppe (hier: "Lage der Ostdeutschen im Vergleich zur Situation der Westdeutschen"). Dieses Gefühl der Benachteiligung erzeugt Missgunst gegenüber der Gruppe, die angeblich zuviel bzw. mehr erhält.

Benachteiligungsgefühle könnten sich unmittelbar negativ auf schwache Gruppen auswirken, wenn diesen die Schuld an der Benachteiligung gegeben wird. Insofern ist erwartbar, dass Personen, die sich benachteiligt fühlen, vermehrt zur Abwertung schwacher Gruppen neigen. Die Abwertung schwacher Gruppen verhilft dazu, die eigene Aufwertung in der gesellschaftlichen Gesamthierarchie zu betreiben. Dazu bietet das Gefühl der eigenen Benachteiligung eine Legitimierung für die Abwertung und Diskriminierung anderer. Allerdings erscheint es wahrscheinlich, dass dies insbesondere solche schwachen Gruppen betrifft, die auch als Konkurrenten um Statuspositionen wahrgenommen werden. Dies gilt zuallererst für die Gruppe der Ausländer, denn fremdenfeindliche Einstellungen werden häufig im Zuge von Konkurrenzlogiken begründet: "Die vermeintliche Überforderung der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion wird auf die Existenz und Ansprüche von Ausländern zurückgeführt."[6]

Welche Bedeutung haben Benachteiligungsgefühle für das Verhältnis der Ost- und Westdeutschen zueinander? Sind sich Ost- und Westdeutsche einander fremd? Und wie wird die Vereinigung nach fast 20 Jahren beurteilt? Dazu haben wir in einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage im Juni 2008 eine Reihe von Fragen gestellt, die das Verhältnis von West- und Ostdeutschen zueinander und deren Meinungen zur Wiedervereinigung näher beleuchten.[7]

Gut die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger in Ost- und Westdeutschland sind der Ansicht, dass die "Wende" viele Nachteile für den jeweiligen Landesteil gebracht hat. Ostdeutsche sehen sich von Benachteiligung gegenüber Westdeutschen betroffen (Tabelle 1 der PDF-Version). Rund 64 Prozent der Ostdeutschen geben an, sich als Bürgerinnen und Bürger "2. Klasse" zu fühlen. Zudem sind 77 Prozent der Ostdeutschen der Ansicht, dass sie im Vergleich zu den Westdeutschen "weniger als ihren gerechten Anteil" bekommen, und fast drei Viertel fühlen sich auch heute noch gegenüber den Westdeutschen benachteiligt. Umgekehrt hegen nur wenige Westdeutsche ein Gefühl der Benachteiligung gegenüber Ostdeutschen.

Die erheblichen Benachteiligungsgefühle von Ostdeutschen gegenüber Westdeutschen werden in Umfragen immer wieder sichtbar. Schon 1992 gaben 81 Prozent der Ostdeutschen an, sehr viel oder etwas weniger als ihren gerechten Anteil am Lebensstandard in der Bundesrepublik zu bekommen; im Jahr 2002 sahen dies noch 60 Prozent so.[8] Zudem können wir zeigen, dass Benachteiligungsgefühle unter jüngeren Ostdeutschen weniger verbreitet sind als in der älteren Generation. Von einem eindeutigen positiven Trend ist trotzdem nicht auszugehen, da sich immer wieder erhebliche Skepsis zeigt, die sich bisweilen auch vergrößert. Im Hinblick auf die Angleichung der Lebensverhältnisse glaubten zu Beginn der 1990er Jahre in beiden Landesteilen nur knapp über zehn Prozent, die Lebensverhältnisse würden sich nie oder erst in zehn Jahren angleichen, im Jahr 2004 waren aber 68 Prozent der Ostdeutschen und 43 Prozent der Westdeutschen dieser Meinung.[9]

Fußnoten

5.
Vgl. Samuel A. Stouffer et al., The American Soldier: Adjustment during army life, Vol. 1, Princeton 1949; Walter G. Runciman, Relative deprivation and social justice: A study of attitudes to social inequality in twentieth century England, Berkeley 1966.
6.
Joachim Bischoff/Bernhard Müller, Moderner Rechtspopulismus, in: Joachim Bischoff/Klaus Dörre/Elisabeth Gauthier (Hrsg.), Moderner Rechtspopulismus. Ursachen, Wirkungen, Gegenstrategien, Hamburg 2004, S. 17.
7.
Ausführlich dokumentiert sind diese Ergebnisse in Wilhelm Heitmeyer, Leben wir immer noch in zwei Gesellschaften? 20 Jahre Vereinigungsprozess und die Situation Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, in: ders., Deutsche Zustände. Folge 7, Frankfurt/M. 2009, S. 13 - 49.
8.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 2004. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2005.
9.
Vgl. Elisabeth Noelle, Eine Aufgabe der Geschichte. Das Zusammenwachsen der Deutschen macht keine Fortschritte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.6. 2004, S. 5, Institut für Demoskopie Allensbach.