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29.6.2009 | Von:
Volker Kronenberg

"Verfassungs- patriotismus" im vereinten Deutschland

Im geschichtspolitischen Jubiläumsjahr 2009 hat Patriotismus in Deutschland Konjunktur. Inwiefern kann der Verfassungspatriotismus Dolf Sternbergers ein zukunftsfähiges Identitätskonzept der Berliner Republik darstellen?

Einleitung

Im geschichtspolitischen Jubiläumsjahr 2009 hat Patriotismus in Deutschland Konjunktur. Ausgerechnet jener Begriff, mit dem sich die Bundesrepublik Deutschland in den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz verständlicher Weise so schwer getan hat: Deutsche Teilung, europäische Integrationsbestrebungen, vor allem aber die historische Hypothek des Nationalsozialismus und die in deutschem Namen begangenen einzigartigen Verbrechen ließen deutschen Patriotismus historisch obsolet, wenn nicht gar gefährlich erscheinen. Wenn überhaupt, wurde ihm nur mit dem Präfix der "Verfassung" Berechtigung zuerkannt.[1]




Kaum eine Debatte entzweite die politisch-kulturelle Öffentlichkeit der Bonner Republik tiefer als jene geschichtspolitische Großkontroverse namens "Historikerstreit", die 1986 entbrannte und zwei Jahre später, im unmittelbaren Vorfeld der revolutionären Ereignisse in der DDR 1989, ihren vorläufigen Abschluss fand. Gegenstand der Kontroverse war unter anderem der vermeintliche Gegensatz von Verfassung und Nation als Bezugsgröße eines zeitgemäßen, freiheitlichen Patriotismus in der Bundesrepublik. Kein Zweifel, dass die nationale Perspektive des Patriotismus angesichts einer dominanten Selbstwahrnehmung der Bundesrepublik als "postnationaler Demokratie unter Nationalstaaten"[2] Ende der 1980er Jahre jenem von Jürgen Habermas popularisierten Verständnis eines "Verfassungspatriotismus" im politisch-kulturellen, aber auch im wissenschaftlichen Raum, signifikant unterlegen war. Als intellektuelle Speerspitze einer "posthumen Adenauerschen Linken"[3] wies Habermas jede "konventionelle Form" nationaler Identität zurück und proklamierte einen dezidiert universalistischen "Verfassungspatriotismus" als "einzigem Patriotismus", der die Bundesrepublik "dem Westen nicht entfremde"[4].

Die nationalstaatliche, "deutsche" Perspektive war hinter eine postnationale europäische zurückgetreten. Paradox, aber wahr: Eben das Postnationale entpuppte sich in dem Moment, als es mit der Friedlichen Revolution in der DDR 1989 auf die realpolitische Probe gestellt wurde, "als entschieden selbstbezügliche provinziell-nationale Denkfigur".[5] Und doch blieben auch in den Folgejahren der deutschen Einheit geschichtspolitische Vorbehalte gegenüber der Nation und gegenüber einem nationalen Patriotismus spürbar, wie Andreas Rödder vermerkt: "Deutschland einig Vaterland (...), drei Worte aus dem Text der Hymne des sozialistischen deutschen Staates mit gesamtdeutschem Anspruch (...) bezeichneten im unversehens vereinten Deutschland eine wesentlich schwierigere Aufgabe, als man es 1989/90 erwartet hatte."[6] Symptomatisch für diese Schwierigkeit mag jenes Verdikt Maxim Billers stehen, der noch ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung apodiktisch behauptete, wer über Deutschland räsoniere, wer es intellektuell bestimmen und somit auch feiern und konstituieren wolle, werde jedes Mal als Brandstifter und Mörder enden.[7]

Im zwanzigsten Jahr des Mauerfalls wirkt Billers Misstrauen gegenüber einem Patriotismus in und für Deutschland geradezu anachronistisch. Grundlegendes hat sich fast wie im Zeitraffer gewandelt; hartnäckige Vorbehalte begrifflicher wie substantieller Art sind weitgehend überwunden, und der Patriotismus scheint zum Bestandteil der deutschen Staatsräson zu avancieren. Als Anzeichen für einen derartigen Wandel mag exemplarisch folgendes Plädoyer gelten, das Charlotte Knobloch jüngst formuliert hat: "Nur wer sein Land bejaht, sich mit seiner Nation und ihrer Geschichte identifiziert, wird sich einmischen. Und die Gestaltung der Gegenwart nicht den Ewiggestrigen überlassen. Darum ist es wichtig, einen neuen Patriotismus zu entwickeln."[8]

Ist mit dieser veränderten Perspektive nun auch der "Verfassungspatriotismus" als Identitätskonzept Deutschlands obsolet geworden? Hat, cum grano salis, die nationszentrierte über die verfassungszentrierte Perspektive obsiegt und erstere letztere ersetzt? Keineswegs, auch wenn bzw. gerade weil der "Verfassungspatriotismus" nach 1990 immer stärker auf sein Ursprungskonzept, wie es Dolf Sternberger 1979 formuliert hat, zurückgeführt wird.

Fußnoten

1.
Vgl. Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland. Perspektiven für eine weltoffene Nation, Wiesbaden 20062.
2.
Karl Dietrich Bracher, Politik und Zeitgeist. Tendenzen der siebziger Jahre, in: ders./Wolfgang Jäger/Werner Link (Hrsg.), Republik im Wandel 1969 - 1974. Die Ära Brandt, Stuttgart 1986, S. 406.
3.
Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. Bd. II: Deutsche Geschichte 1933 - 1990, Bonn 2004, S. 445.
4.
Jürgen Habermas, Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung, in: Historikerstreit. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 19918, S. 75.
5.
Alexander Cammann, 1989 neu entdecken. Die verdrängte Gründungsrevolution der Berliner Republik, in: Undine Ruge/Daniel Morat (Hrsg.), Deutschland denken, Wiesbaden 2005, S. 62.
6.
Andreas Rödder, Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, München 2009, S. 12.
7.
Vgl. Maxim Biller, Deutschbuch, München 2001, S. 83f.
8.
Charlotte Knobloch, Jüdische Identität in Deutschland. Vortrag, 15.1. 2009, Akademie für Sozialethik und öffentliche Kultur in Bonn.