APUZ Dossier Bild
Pfeil links 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Pfeil rechts

Atypische Beschäftigungs-
verhältnisse: Formen, Verbreitung, soziale Folgen

15.6.2009

Entwicklung und Ausmaß atypischer Beschäftigung



Seit den frühen 1990er Jahren nehmen sämtliche Formen atypischer Beschäftigung zu, allerdings mit unterschiedlichem Tempo und ausgehend von unterschiedlichen Niveaus (vgl. Tabelle in der PDF-Version):[8]
  • Teilzeit stellt mit Abstand die am weitesten verbreitete Form dar (über 26 Prozent). Ihre Ausweitung über die Konjunkturzyklen hinweg hängt eng mit der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen zusammen, die nach wie vor über 80 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten ausmachen.
  • Einer geringfügigen Beschäftigung gehen - nach einer anfänglich deutlichen Zunahme infolge der Hartz-Gesetze sowie einer anschließenden Konsolidierung auf hohem Niveau - inzwischen über 20 Prozent aller abhängig Beschäftigten nach. Zu unterscheiden ist zwischen Mini-Jobs als ausschließlich ausgeübter Tätigkeit und Mini-Jobs, die als Nebenerwerbstätigkeit, also zusätzlich zu einer nicht-geringfügigen Beschäftigung, ausgeübt werden. Die zuerst genannte, eindeutig problematischere Variante dominiert; auf sie entfallen mehr als zwei Drittel aller Minijobs.
  • Befristete Beschäftigungsverhältnisse haben trotz mehrfacher Deregulierungen seit Mitte der 1980er Jahre im Vergleich zu den anderen Formen nur moderat auf ca. 10 Prozent zugelegt.
  • Leiharbeit umfasst nach wie vor nur ein insgesamt kleines Segment des Arbeitsmarktes, ist aber seit der Reform im Zuge der Hartz-Gesetze ungewöhnlich stark expandiert (auf über zwei Prozent). Mit der derzeitigen Wirtschaftskrise hat sich die Entwicklung schlagartig umgekehrt: Dem steilen Anstieg folgt ein ebenso steiler Abschwung.[9] Diese Kurve spiegelt die extreme Konjunkturabhängigkeit der Leiharbeit wider.
Der Anteil aller atypischen Beschäftigungsverhältnisse ist, wenn man Doppelzählungen berücksichtigt, mittlerweile (2007) auf 37 Prozent aller Beschäftigten gestiegen.[10] Zu Beginn der 1990er Jahre lag der Anteil noch bei etwa 20 Prozent. Längst handelt es sich nicht mehr um ein marginales Segment, das problemlos aus der Analyse des Arbeitsmarktes ausgeblendet bleiben könnte.[11] Das NAV stellt den abnehmenden Regelfall, atypische Formen hingegen den zunehmenden Ausnahmefall dar. Die Beschäftigungsexpansion der vergangenen Jahre, insbesondere die Ausweitung geringfügiger Beschäftigung (Minijobs) und der Leiharbeit, geht zu einem erheblichen Teil auf die Zunahme der atypischen Formen zurück.[12]

Angesichts dieser Entwicklung beschreibt die Formel "Pluralisierung bzw. Differenzierung der Erwerbsformen" die Veränderungen im Erwerbssystem trefflicher als die häufig verwendete Begrifflichkeit einer Krise oder gar "Erosion des Normalarbeitsverhältnisses".[13] Im Rahmen des weiterhin fortschreitenden Wandels der Erwerbsformen ist - unabhängig von Konjunkturzyklen sowie der Entwicklung der Gesamtbeschäftigung - eine weitere Zunahme der atypischen Beschäftigung zu erwarten, ohne dass das NAV zum "Auslaufmodell" wird.

Die Varianten unterscheiden sich in Bezug auf die Zusammensetzung (u.a. nach Alter und Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer, Branche und Region, vor allem Ost und West).[14] Bei sämtlichen Formen - mit der einzigen Ausnahme der Leiharbeit - sind Frauen überrepräsentiert, das heißt, das Problem hat eine ausgeprägte geschlechterspezifische Dimension, die in der öffentlichen Auseinandersetzung häufig außer Acht gelassen wird.[15] Die Mehrheit der Frauen (57 Prozent) arbeitet in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis. Man kann von einer neuen Normalität sprechen, die zugleich eine Spaltung des Arbeitsmarktes nach Geschlecht markiert.

Pfeil links 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Pfeil rechts
Alles auf einer Seite lesen

Fußnoten

8.
Die empirischen Informationen zu Entwicklung und Stand atypischer Beschäftigung haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Demgegenüber sind theoretische Erklärungen nach wie vor selten und bleiben unvollständig. Vgl. B. Keller/H. Seifert (Anm. 7).
9.
Allein zwischen Mitte 2008 und Februar 2009 sank die Zahl der Leiharbeiter um etwa ein Drittel von 821 000 auf nur noch etwa 550 000. Vgl. Zeitarbeit gerät in arge Nöte, in: Handelsblatt vom 6. 4. 2009, S. 3.
10.
Vgl. Wolfram Brehmer/Hartmut Seifert, Sind atypische Beschäftigungsverhältnisse prekär? Eine empirische Analyse sozialer Risiken, in: Zeitschrift für Arbeitsmarktforschung, (2009) 4, S. 501 - 531.
11.
Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 2008/2009. Die Finanzkrise meistern - Wachstumskräfte stärken, Wiesbaden 2008, S. 421 - 451.
12.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Atypische Beschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt, Wiesbaden 2008.
13.
Vgl. u.a. Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland, Bonn 1996.
14.
Vgl. Lutz Bellmann/Gabriele Fischer/Christian Hohendanner, Betriebliche Dynamik und Flexibilität auf dem deutschen Arbeitsmarkt, in: Joachim Möller/Ulrich Walwei (Hrsg.), Handbuch Arbeitsmarkt 2009, Nürnberg 2009, S. 360 - 401.
15.
In Bezug auf die soziale Sicherung im Alter ist zu unterscheiden zwischen "klassischer", abgeleiteter und eigenständiger Sicherung. In gleichstellungspolitischer Sicht geht es um die zuletzt genannte Variante.