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Editorial


5.6.2009
Architektur verkörpert die ökonomischen, sozialen und kulturellen, auch geschlechterpolitischen Spezifika der jeweiligen gesellschaftlichen Epoche. Sie offenbart soziale Unterschiede, setzt Akzente, lässt Glanz und Elend gleichermaßen ins Auge springen.

Architektur ist Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklung: Gebauter Raum verkörpert die ökonomischen, sozialen und kulturellen, auch geschlechterpolitischen Spezifika der jeweiligen gesellschaftlichen Epoche. (Stadt-)Architektur reklamiert Geld und Macht ebenso wie sie deren Nichtvorhandensein signalisiert. Sie offenbart soziale Unterschiede, setzt Akzente, lässt Glanz und Elend gleichermaßen ins Auge springen.

Die oft selbstreferenzielle Architektur moderner Industriegesellschaften steht in Kontrast zur jahrhundertealten europäischen Baukultur. In der Repräsentationsarchitektur der Moderne und Postmoderne spiegeln sich Hybris, Narzissmus und die Konkurrenzkämpfe unserer Zeit. Die Stadt als geschlossenes Ensemble - wie es in Städten mit gut erhaltenen (mittelalterlichen) Stadtkernen zu bewundern ist - wird kaum mehr gebaut. Eine Architektur, die sich vorhandenen Bauten vergangener Jahrhunderte oder gar der Natur unterordnet, statt sich selbst zu inszenieren, ist heute die Ausnahme. Für ein städtebauliches Programm, das Ästhetik, sozialen Ausgleich und ökologische Belange bündelt (Philosophie/Ethik der Architektur), bedarf es entschiedener politischer Weichenstellungen.

Städte und Gebäude sind das Produkt gewollter Grenzziehungen zwischen Innen und Außen: zwischen Stadt und Land, unterschiedlichen sozialen Schichten, Privilegierten, weniger Privilegierten, Unterprivilegierten usw. Architektur kann auf subtile Weise dazu beitragen, Grenzen zu ziehen: bestimmten Bevölkerungsgruppen den Zugang zu bestimmten Orten zu erschweren oder gar zu verweigern. Kluge Stadtplanung kann und muss sozialer Verdrängung und Ausgrenzung vorbeugen. Nicht nur dafür ist es wichtig zu wissen, was Architektur hinsichtlich des Sozialen vermag.