APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 Pfeil rechts

Architektur und soziale Selektivität


5.6.2009
Die vielfältigen gesellschaftlichen Ausdifferenzierungen erschweren es, allgemein akzeptierte ästhetisch-architektonische Standards zu setzen. Vielmehr wird die postmoderne Architektur zunehmend instrumentalisiert, um partikularen Interessen zu dienen.

Einleitung



Architektur und Städtebau haben - anders als die Stadtplanung - in den vergangenen drei Jahrzehnten verstärkte gesellschaftliche Aufmerksamkeit erhalten. Die Gründe dafür liegen zum einen in den veränderten Architekturstilen und dem gebauten Raum selbst, zum anderen in der gestiegenen Bedeutung von Architektur innerhalb gesellschaftlicher Diskurse und den damit verbundenen Positionierungen und Instrumentalisierungen. Diese wiederum sind Folgen eines komplexen wirtschaftlichen, technologischen, kulturellen und administrativen Wandels. Vor dem Hintergrund einer sich wieder stärker ausdifferenzierenden Gesellschaft haben die Produktion von Architektur und der Diskurs über diese zunehmend sozial selektive Wirkungen, die sich keinesfalls allein in Geschmacksfragen äußern, sondern auch bestehende soziale Inklusions- und Exklusionsprozesse unterstützen, ermöglichen und legitimieren.




In diesem Beitrag wird darüber reflektiert, dass Architektur und Städtebau in ihren bzw. seinen sozial selektiven Auswirkungen und Bedeutungen strategisch bewusst eingesetzt werden (beispielsweise beim "branding" eines Standortes oder beim "designing out" sozialer Problematik[1] aus dem innenstadt- nahen öffentlichen Raum). Meine These ist, dass die Instrumentalisierung der Architektur zur "Reinigung" des öffentlichen Raumes resp. zur Markenbildung von Städten, Regionen und Nationalstaaten eine ausgrenzende Wirkung gegenüber weniger erwünschten sozialen Gruppen entfaltet. Dazu steht nicht im Widerspruch, wenn ex-post dieser Fakt entschuldigend resp. schulterzuckend zur Kenntnis genommen wird. Mit diesem Beitrag wird das Ziel verfolgt, die Zusammenhänge zwischen dem Bau spektakulärer Gebäude, dem internationalisierten Architekturdiskurs und der ausgrenzenden Wirkung semiotischer Signale zu verdeutlichen.


Fußnoten

1.
Schon die Definition dessen, was von wem in welcher sozial-räumlichen Konfiguration als "sozial problematisch" definiert wird, bedarf einer Reflektion, weil im Namen eines "öffentlichen Interesses" gegenwärtig soziale "Randgruppen" aus zentralen Orten des öffentlichen Raumes abgedrängt werden, mit dem Ergebnis, dass die gleichen Menschen mit den gleichen Verhaltensweisen an anderen Orten wieder auftreten und im Extremfall dort relativ unkontrolliert ihr Verhalten leben. Es wird also nicht mehr das abweichende Verhalten per se verfolgt, sondern zentrale Orte werden sozial "gereinigt".