30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
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10.5.2009 | Von:
Silke Satjukow

Grenze 2000

Berlin-Friedrichstraße

Am 14. Juli 1971 erschien gegen 22.40 Uhr der West-Berliner Bürger Klaus W. am Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße in Berlin.[4] Der angetrunkene Mann erklärte dem zuständigen Posten, dass er seine Mutter im Ostteil der Stadt besuchen wolle. Nach seiner Einreiseerlaubnis befragt, zeigte er lediglich den Personalausweis vor. Als er sah, dass der Kontrollbeamte begann, in der Fahndungskartei zu blättern, geriet er in Panik und suchte das Weite. Ein bewaffneter Posten setzte zur Verfolgung an, holte ihn ein und nahm ihn in Gewahrsam. Der Bahnhof Friedrichstraße war in Gänze ein Hoheitsgebiet, das von der DDR beansprucht wurde. Der Verdächtige wurde für weitere Verhöre in die Treptower Polizeidienststelle verbracht und der zuständige Ost-Berliner Staatsanwalt informiert. Dieser scheute jedoch den nächtlichen Weg in die Untersuchungshaftanstalt, also brachte man Klaus W. über Nacht in einer Arrestzelle unter.

Am nächsten Morgen, dem Verdächtigen wurden gerade die Fingerabdrücke genommen, sprang er unvermittelt auf und stürzte sich kopfüber durch das geschlossene Fenster aus dem zweiten Stockwerk in den Tod. Die tragische Grenzpassage führte zu umfangreichen internen Untersuchungen, wobei es den Ermittlern nicht darum ging, aufzuklären, ob ihre Kollegen womöglich für den Vorfall mitverantwortlich zu machen waren. Vielmehr trachteten sie danach, die Angelegenheit ohne öffentliches Aufheben zu den Akten zu legen. Es stellte sich heraus, dass Klaus W. wenige Wochen nach dem Mauerbau in den Westen geflohen war und seine Mutter und sein Bruder immer noch im Ostteil der Stadt wohnten. Die Ermittler der Staatssicherheit werteten den Sprung aus dem zweiten Stockwerk als weiteren Fluchtversuch. Für eine Selbsttötung fand sich ihrer Meinung nach kein Hinweis.

Einen Tag nach dem Zwischenfall entstand ein erster Untersuchungsbericht, der zu ganz anderen Schlüssen kam: Klaus W. habe am Abend des Grenzübertritts betrunken, verwahrlost und deprimiert gewirkt, ein Suizid sei höchst wahrscheinlich. Zeitgleich begann man, sämtliche beteiligte Personen mitsamt ihren Angehörigen einer operativen Kontrolle zu unterziehen. Vor allem begann die "geheimdienstliche Aufklärung" der Mutter sowie weiterer Verwandter, keiner von ihnen war bisher unterrichtet worden. Über eine Benachrichtigung, über die Erarbeitung einer Legende des Vorfalls sowie über die Einzelheiten einer Einäscherung wollte man erst entscheiden, wenn eventuelle Reaktionen der West-Presse bekannt würden. Aber die Feindblätter blieben ruhig.

Am 23. Juli 1971, eine Woche nach dem Tod von Klaus W., wurde die Mutter zum Generalstaatsanwalt beordert. Die sterblichen Überreste ihres Sohnes waren zu diesem Zeitpunkt bereits eingeäschert. Die Frau wurde zunächst peinlich befragt, man führte den angeblich liederlichen Lebenswandel ihres Sohnes vor, erwähnte seine Spielsucht. Der Mutter blieb kaum eine andere Wahl, als sich zu distanzieren. Erst gegen Ende des Gesprächs erklärte man ihr, dass ihr Sohn Selbstmord begangen habe. Über den verhinderten Besuch in Ost-Berlin verlor man kein Wort. Als die Mutter bat, einen Freund informieren zu dürfen, zeigte sich der Ermittler alarmiert. Er hielt ihr drastisch die "Konsequenzen" vor Augen: Eventuelle Gläubiger könnten sich an sie wenden, um eventuell hinterlassene Schulden von ihr einzutreiben. Die verängstigte Frau zeitigte nun die erwünschte Reaktion: "Hierauf erklärte sie eindeutig, dass auch wir keiner Person Mitteilung machen sollen", vermerkt das Protokoll. Die Mutter erhielt einen amtlichen Totenschein, in dem als Sterbeort ihres Sohnes zweideutig "Berlin" angegeben war.

Der Vorfall verweist auf exemplarische wie tragische Weise auf die unübersehbaren Folgen, die Grenzübertritte nach sich ziehen konnten. Die Führung der DDR und ihre Sicherheitsexperten verstanden die GÜST als Brückenköpfe, die weit in die gesellschaftlichen Strukturen hineinragten. Selbst wenn die meisten Passagen nicht annähernd so dramatisch verliefen wie im vorgeführten Fall, so hatten sie doch etwas gemeinsam: ein bereits in den 1940er Jahren angelegtes, engmaschiges Geflecht willfähriger Kontrollbevollmächtigter. Hier arbeiteten das Ministerium für Staatssicherheit, die Grenzpolizei, die Transport- und Volkspolizei Hand in Hand mit so genannten "gesellschaftlich aktiven Kräften", mithin gewöhnlichen Bürgern, die sich nur allzu bereit zeigten, bei Personenüberprüfungen sowie beim Aufspüren von "Unterschlupfpunkten" behilflich zu sein. Der Vorgang an der Friedrichstraße hatte im Nachgang zu Dutzenden peinlichen Überprüfungen von unmittelbar und mittelbar beteiligten Personen und deren Angehörigen geführt. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, argumentierten die Schützer des Sozialismus, schließlich wolle man in dieser Sache ja keine unliebsame Publizität riskieren.

Fußnoten

4.
Vgl. zum gesamten Fall: BStU, MfS-AS 754/70, Bd. XV, Nr. 1 und 2.