APUZ Dossier Bild

1.5.2009 | Von:
Rudolf Hickel

Plädoyer für einen regulierten Kapitalismus

Die derzeitige Krise rückt die Kritik an der Deregulierungspolitik in den Mittelpunkt. Die Spieltische im "Kasinokapitalismus" müssen geschlossen, das Weltwirtschaftssystem sozial und ökologisch gestaltet werden.

Einleitung

In einer aktuellen Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird das bisher nicht für möglich gehaltene Ausmaß der aktuellen Wirtschaftskrise abgeschätzt: Erst-mals seit 60 Jahren schrumpft die Weltwirtschaft.[1] Die Ökonometriker des IWF rechnen beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2009 mit einem Minus von 1,3Prozent. Ob es im kommenden Jahr wieder aufwärts gehen wird, hänge maßgeblich von weltweiten Maßnahmen gesamtwirtschaftlichen Gegensteuerns ab. Es lasse sich bereits erkennen: "Das wird kein schneller Aufschwung, wie wir ihn nach anderen Wirtschaftskrisen beobachten konnten." Die Wirtschaftskrise bestätigt gleichsam spiegelbildlich die weltweite Vernetzung des Wirtschaftens: Grundsätzlich kann sich ihr kein Land entziehen. Allerdings zeigt sie auch die unterschiedliche Teilhabe an den ökonomischen Vorteilen der Globalisierung.




Die reichen Länder, die bisher besonders von der Globalisierung profitiert haben, müssen jetzt hohe Wachstumsverluste hinnehmen. So stellt der IWF in seinem "World Economic Outlook" zutreffend fest: "Die sieben größten Industriestaaten werden den mit Abstand schärfsten Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg erleben." Mit dem weltweiten Einknicken der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen ist der Welthandel nach Jahren des Wachstums seit dem Höchststand im Herbst 2008 um mehr als 20 Prozent eingebrochen. Auch die aufsteigenden Schwellenländer sind betroffen, und in den durch ökonomische Schwäche und Armut gekennzeichneten Entwicklungsländern verschärft sich die Lage katastrophal.

Daraus folgt: Diese globale, auf die wirtschaftsstarken Staaten konzentrierte Wirtschaftskrise verlangt eine international koordinierte Expansionspolitik. Der Protektionismus einiger ökonomisch dominanter Länder, die glauben, sich gegen die Internationalisierung nationale Vorteile durch das Aushungern anderer Länder verschaffen zu können, verstärkt die Krise. Dass es sinnvoll ist, statt einer beggar-my-neighbour-policy auf internationale Koordination zu setzen, ist im Bereich einer fiskalischen Impulspolitik noch viel zu wenig begriffen worden. Die Notwendigkeit, die Wucht des globalen Absturzes zu verstehen und eine angemessene Antikrisenstrategie zu entwickeln, verlangt zudem nach einer ideologiefreien Analyse der Ursachen.

Fußnoten

1.
Vgl. IWF, World Economic Outlook, Crisis and Recovery, April 2009, in: www.imf.org (27. 4. 2009).