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1.4.2009 | Von:
Belwe, Katharina

Editorial

In Deutschland wird zu wenig dafür getan, die Benachteilung von Kindern auszugleichen, denen keine behütete und geförderte Kindheit zuteil wird.

Kindheitsmuster unterscheiden sich stark voneinander: In Abhängigkeit davon, welcher sozialen Schicht die Eltern angehören, wachsen Kinder in einem bildungsfreundlichen Klima auf oder werden in einem eher bildungsfernen Milieu sozialisiert. Im zweiten Fall haben sie von Beginn an schlechtere Startchancen. Barrieren im deutschen Bildungswesen erschweren es ihnen zusätzlich, den Rückstand aufzuholen. Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler sprechen daher von "Benachteiligungsstrukturen".

Kindheit ist auch durch eine sozialräumliche Differenzierung sowie eine mehr oder minder vorhandene Ausstattung mit "kulturellem Kapital" (Pierre Bourdieu) charakterisiert: Kinder, die in einem Umfeld groß werden, in dem Bildung und Kultur etwas Selbstverständliches darstellen, weisen in der Regel eine höhere Lernbereitschaft auf als Kinder, deren Eltern solche Rahmenbedingungen nicht schaffen können. Je nachdem, in welches soziale Milieu ein Kind hineingeboren wird, genießt es also von Geburt an Privilegien oder erleidet Benachteiligungen: Lebenschancen werden "sozial vererbt". Die Chancen, zum Abitur oder Hochschulabschluss zu gelangen, hängen heute sogar wieder stärker als in der Vergangenheit von der sozialen Herkunft ab.

In Deutschland wird zu wenig dafür getan, die Benachteilungen von Kindern auszugleichen, denen keine behütete und geförderte Kindheit zuteil wird. Es gilt, jene Familien zu unterstützen, die nicht in der Lage sind, die gesellschaftliche Norm der "guten Kindheit" zu erfüllen. Wo weder die finanziellen Mittel noch der kulturelle Unterbau vorhanden sind, reicht der gute Wille, den eigenen Kindern einen guten Platz im Wettbewerb um die besten Chancen zu verschaffen, in der Regel nicht aus.