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1.4.2009 | Von:
Henning van den Brink

Von feinen Unterschieden zu großen Ungleichheiten

Bei der herkunftsspezifischen Ausstattung mit kulturellen Ressourcen gibt es "feine Unterschiede" (Pierre Bourdieu). Diese führen zu ungleichen Startchancen von Kindern aus bildungsfernen Milieus.

Einleitung

Kultur ist ein schillernder Begriff. Damit wird etwas assoziiert, was den zivilisatorischen Fortschritt widerspiegelt und eine vergemeinschaftende Funktion übernimmt. Kultur ist konkret, ist an Kleidungs-, Sprach- und Lebensstilen sicht- und erlebbar - und hat doch häufig symbolischen Charakter. Kultur ist für uns selbstverständlich, so selbstverständlich, "dass ihr Vollzug vielfach unter die Wahrnehmungsschwelle gesunken ist", wie es der Systemtheoretiker Rudolf Stichweh formuliert.[1] Diese Selbstverständlichkeit, diese "auffällige Unauffälligkeit der Ubiquität kultureller Akzente in allen menschlichen Lebensbereichen",[2] ist vielleicht auch der Grund dafür, dass wir mit kultureller Differenz nur schwer umgehen können und häufig hilflos vor deren scheinbarer Unüberwindbarkeit stehen.[3]




Die Verinnerlichung von Kultur (Enkulturation) verläuft größtenteils unbewusst. Sie ist dennoch alles andere als ein Zufallsprodukt, sondern hängt in starkem Maße vom sozialen Milieu ab, in dem man als Kind aufwächst, und verläuft damit entlang von Milieugrenzen. Es war der französische Gesellschaftsanalytiker Pierre Bourdieu, der in Kultur sogar den entscheidenden Herrschaftsmechanismus für die heutige Gesellschaft gesehen hat.[4] Über wie viel ökonomisches Kapital, das Karl Marx noch so vehement in den Vordergrund bei der Beschreibung gesellschaftlicher Ungleichheit stellte, jemand verfügt, hängt stark vom kulturellen Kapital ab, das sich zur Akkumulation von ökonomischem Kapital einsetzen lässt. "Die feinen Unterschiede" in der herkunftsspezifischen Ausstattung mit eben jenem kulturellen Kapital entscheiden maßgeblich über den Zugang zu höheren beruflichen und gesellschaftlichen Positionen.[5]

Fußnoten

1.
Rudolf Stichweh, Kultur, Wissen und die Theorien soziokultureller Evolution, in: Soziale Welt, 50 (1999) 4, S. 459 - 472, hier S.462.
2.
Hans-Georg Soeffner, Kulturmythos und kulturelle Realität, in: ders. (Hrsg.), Kultur und Alltag, Göttingen 1988, S. 3 - 20, hier S.4.
3.
Vgl. Jochen Dreher/Peter Stegmaier (Hrsg.), Zur Unüberwindbarkeit kultureller Differenz. Grundlagentheoretische Reflexionen, Bielefeld 2007.
4.
Vgl. Pierre Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht, Hamburg 1992.
5.
Vgl. ders., Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. 1979.