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1.4.2009 | Von:
Klaus Peter Strohmeier
Holger Wunderlich
Philipp Lersch

Kindheiten in Stadt(teil) und Familie

Kinder wachsen in Städten in unterschiedlichen räumlichen Umwelten mit ungleichen Lebenschancen auf. Anhand zweier Beispielstädte wird dies exemplarisch gezeigt; und es werden die Folgen für Familienpolitik benannt.

Einleitung

In den Städten wachsen Kinder in unterschiedlicher Nachbarschaft auf. Viele Familien leben in den engen, armen Vierteln in Innenstadtnähe und in den Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Andere (und zwar deutlich weniger) Familien leben in den bürgerlichen Wohnvierteln der großen Städte; die meisten Mittelschichtfamilien hat es in den letzten Jahren in das suburbane Umland der Vorstädte gezogen. Verbunden mit diesen verschiedenen Milieus sind unterschiedliche alltagsweltliche "Normalitäten" des Familienlebens, in die Kinder hineinwachsen, und unterschiedliche Benachteiligungen und Privilegien, die Kinder und Jugendliche erfahren und die ihren Start ins Erwachsenleben nachhaltig prägen. Wir wissen zum Beispiel aus der empirischen Bildungsforschung und der Gesundheitsforschung, dass Armut die Lebenschancen von Kindern nachhaltig negativ beeinflusst. Neuere Studien zeigen aber auch, dass die räumliche Konzentration ("Segregation") von Menschen in ähnlichen Lebenslagen solche individuellen Benachteiligungen (beziehungsweise Privilegierung) verstärkt.

Diese Zusammenhänge werden wir im vorliegenden Beitrag empirisch anhand von Ergebnissen der kommunalen Familienberichterstattung in Nordrhein-Westfalen untersuchen.[1] Wir werden zeigen, dass sich die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche in Deutschland aufwachsen, tatsächlich im kleinräumigen Vergleich erheblich voneinander unterscheiden. Dabei sehen wir, dass es signifikante Unterschiede der Bedingungen des Aufwachsens von Kindern im Vergleich von Städten gibt, dass aber auch innerhalb der Grenzen einer einzigen Stadt ein hohes Maß an kleinräumiger Differenzierung von "Familienwelten" festzustellen ist. In diesem Zusammenhang wird zu untersuchen sein, ob eine sozialräumliche Perspektive zur Differenzierung unterschiedlicher Familienwelten und unterschiedlicher Kindheiten in den Städten ausreicht oder ob weitere Kriterien zur Unterscheidung herangezogen werden müssen.

Wir gehen diesen Fragen exemplarisch anhand von Ergebnissen einer kleinräumigen Familienberichterstattung durch repräsentative, schriftliche Familienbefragungen in den NRW-Städten Mülheim an der Ruhr und Gladbeck nach. Mülheim an der Ruhr ist die Stadt mit den meisten Einkommensmillionären in diesem Bundesland und einem von Dienstleistungsberufen geprägten Arbeitsmarkt. Gladbeck ist eine vom Strukturwandel gebeutelte alte Industriestadt in der Emscherzone mit hoher Arbeitslosigkeit. Nur auf den ersten Blick sind die im Folgenden dargestellten Strukturen Besonderheiten des Ruhrgebiets.[2] Tatsächlich haben wir es mit Zusammenhängen zu tun, die wir überall in den großen Städten in Deutschland finden.[3]

Fußnoten

1.
Informationen zur kommunalen Familienberichterstattung gibt es im Internet unter www.faktor-familie.de.
2.
Weitere Ergebnisse zu Familien im Ruhrgebiet vgl. Klaus Peter Strohmeier/Annett Schultz/Holger Wunderlich, Familien im industriellen Ballungsraum - Lebensformen, Lebenslagen und stadträumliche Differenzierungen im Ruhrgebiet, in: Ursula von der Leyen/Vladimír Spidla (Hrsg.), Voneinander lernen - miteinander handeln. Aufgaben und Perspektiven der Europäischen Allianz für Familien, Baden-Baden 2009.
3.
Vgl. Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.), Demographie konkret - Soziale Segregation in deutschen Großstädten. Daten und Handlungskonzepte für eine integrative Stadtpolitik, Gütersloh 2008.