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21.3.2009 | Von:
Anke Silomon

Widerstand von Protestanten im NS und in der DDR

An den Beispielen des Nationalsozialismus und der DDR werden theologische Hintergründe von Widerstandsaktivitäten evangelischer Christen und die grundlegend verschiedene Situation in beiden Diktaturen beleuchtet.

Einleitung

Spätestens von 1848 an wurde in Deutschland die Trennung von Staat und Kirche diskutiert. Nach dem Ersten Weltkrieg löste die Nationalversammlung mit der Weimarer Reichsverfassung von 1919 das überkommene System von Staatskirchen ab und regelte das Verhältnis von Kirche und Staat neu. Unabhängig von einem als aufklärerisch empfundenen Laizismus bildeten die Vorstellungen von Religionsfreiheit, einem weltanschaulich neutralem Staat sowie der Selbstbestimmung aller Religionsgemeinschaften die Grundlage dieser Regelungen. Zwar wurde die Religionsausübung nicht zur Privatsache erklärt, sondern blieb eine öffentliche Angelegenheit. Aber diese wurde dem Staat entzogen. In den Artikeln 136 bis 139 der Weimarer Reichsverfassung, die mittels Artikel 140 GG Bestandteil des Staatskirchen- und Verfassungsrechts der Bundesrepublik sind und sich auch noch in der DDR-Verfassung von 1949 wiederfanden, blieb diese rechtliche Regelung bis heute bestehen.






Die Einbindung der Kirchen in einen Staat und sein politisches System ist sowohl für die Zeit des Nationalsozialismus als auch für die des geteilten Deutschlands ein Thema, das trotz der genannten rechtlichen Vorgaben durch zahlreiche Spielräume immer wieder Interpretationsmöglichkeiten eröffnet. Die Haltung von evangelischen Christen zur weltlichen "Obrigkeit", also zwischen 1933 und 1945 zum NS-Regime und zwischen 1949 bis 1990 zur DDR und zum "real existierenden" Sozialismus, soll im Folgenden genauer in den Blick genommen werden. Dabei geht es nicht um einen Vergleich oder gar den Nachweis von Kontinuitäten widerständigen oder oppositionellen Verhaltens von Protestanten im Nationalsozialismus und in der DDR. Vielmehr sollen religiös motivierte Gruppierungen und christliche Einzelpersonen vorgestellt werden, die sich dem nationalsozialistischen Regime widersetzten.[1] Die DDR dagegen war zwar durch eine atheistische Staatsideologie gekennzeichnet, doch war die Verfolgung Andersdenkender oder politisch Unerwünschter subtiler und forderte weniger Opfer. Wegen der fundamentalen Unterschiede konnte es keinen mit dem gegen den Nationalsozialismus vergleichbaren Widerstand geben. Daher soll aufgezeigt werden, wie das Verhältnis zwischen Staat und Christen beziehungsweise Kirchen sich entwickelte und welche mit dem christlichen Glauben begründeten Formen von widerständigem oder oppositionellen Verhalten entstanden.[2] Dass in wenigen Fällen auch personelle Kontinuitäten festzustellen sind, kann als lebensgeschichtlicher Zufall gewertet werden und bedeutet keinesfalls die Vergleichbarkeit oder gar Gleichsetzung von nationalsozialistischem Deutschland und DDR.

Mit der Reformation innerhalb der römisch-katholischen Kirche hatten sich zwei evangelische Strömungen herausgebildet, Lutheraner und Reformierte. Während die lutherischen Protestanten die Verbindlichkeit der lutherischen Bekenntnisschriften sowie die Zwei-Reiche-Lehre betonen, stehen für den reformierten Gottesdienst die Predigt, Gebete, gemeinsam gesprochene Texte und der Gemeindegesang im Zentrum. Die Kirchen sind schlicht, die Verkündigung steht im Vordergrund, das Bilderverbot wird ernst genommen. Von den herrschenden Auffassungen unter den deutschen Protestanten, die vor allem im Nationalsozialismus die Grundlage für den verhaltenen oder offenen Widerstand von Christen bildeten, sollen hier nur zwei - stark verkürzt - umrissen werden. 1. Die Anhänger der dialektischen Theologie des Schweizer Theologen Karl Barth betonten die Gültigkeit der Königsherrschaft Christi in allen Lebensbereichen. Folgerichtig wandten sie sich gegen eine Eigengesetzlichkeit der Politik und forderten die Orientierung menschlichen Rechts am göttlichen. Sie waren zumeist Reformierte und schlossen sich während der nationalsozialistischen Herrschaft in der Bekennenden Kirche zusammen. Sie taten dies in Abgrenzung von den Deutschen Christen, die gefördert von den Nationalsozialisten die Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche übernahmen. 2. Demgegenüber traten andere, überwiegend Lutheraner, in Anlehnung an die Zwei-Reiche-Lehre, also die Vorstellung von der parallelen Existenz eines von Gott gelenkten Reiches und eines weltlichen Staatsgebildes, für eine deutliche Trennung theologischer und politischer Fragen ein und verhielten sich politisch weitgehend abstinent.

Fußnoten

1.
Vgl. allgemein Peter Steinbach/Johannes Tuchel (Hrsg.), Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bonn 1994, sowie Wolfgang Benz/Walter H. Pehle (Hrsg.), Lexikon des deutschen Widerstandes, Frankfurt/M. 1994.
2.
Vgl. Ehrhart Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR 1949 - 1989, Berlin 1997.