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27.1.2009 | Von:
Alexander Nützenadel

Entstehung und Wandel des Welternährungssystems im 20. Jahrhundert

Die internationalen Agrarmärkte sind seit dem späten 19. Jahrhundert eng verflochten. Damals entstanden die Grundlagen des Welternährungssystems, wie wir es heute kennen.

Einleitung

Die Welternährungskrise der vergangenen beiden Jahre hat die Landwirtschaft wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion gerückt. Tatsächlich waren viele Beobachter über das Ausmaß der Krise überrascht. Seit 1990 hatte die absolute Armut weltweit abgenommen, Unterernährung und Hunger schienen auf dem Rückmarsch.[1] Andere Probleme wie ethnische Konflikte, die Verknappung der Energieressourcen oder der Klimawandel beherrschten die globale Agenda. Die massiven Preissteigerungen auf den internationalen Agrarmärkten und die Teuerungsunruhen in zahlreichen Ländern haben hingegen deutlich gemacht, dass die weltweite Ernährungsversorgung alles andere als gesichert ist. Die Direktorin des UN World Food Programme, Josette Sheeran, sprach von einem "silent tsunami", der auf die armen Länder zurolle.[2] Tatsächlich ist die Krise nicht allein auf die schlechte Ernte von 2006/07 zurückzuführen, sondern Folge langfristiger Veränderungen der Weltwirtschaft. Vereinte Nationen und Weltbank fordern daher einen "New Deal" in der Welternährungspolitik, während die Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) eine "zweite grüne Revolution" für dringend erforderlich hält.[3] Vieles spricht dafür, dass Ernährungssicherheit neben Klimawandel und Energieverknappung zu den drängenden globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gehört.






Allerdings handelt es sich keineswegs um eine grundsätzlich neue Situation. Globale Versorgungskrisen sind historisch seit langem zu beobachten. Bereits im späten 19. Jahrhundert entstanden die Grundlagen eines Welternährungssystems, das bis heute Bestand hat. Dieses globale System ist durch folgende Elemente geprägt:
  1. Die Agrarmärkte zeichnen sich durch eine hohe internationale Verflechtung aus. Dennoch führt der Handel nicht dazu, dass Spezialisierungsvorteile der internationalen Arbeitsteilung vollständig ausgeschöpft werden. Ein gewisses Maß an Selbstversorgung wird auch in den Industriestaaten als ein wichtiges öffentliches Gut angesehen.
  2. Weltweit entstehen nationale und regionale Marktordnungen, die häufig nach innen Freihandel praktizieren, nach außen jedoch hohe Mauern errichten. Die Schaffung eines offenen und gerechten Handelssystems, das den armen Ländern Zugang zu den Märkten der nördlichen Hemisphäre gibt, zählt zu den drängenden Fragen der internationalen Wirtschaftspolitik.
  3. Markt- und Versorgungskrisen sind nicht mehr regional begrenzt, sondern wirken sich weltweit aus. Hunger gilt in zunehmendem Maße als Indikator für globale Ungleichheit.
  4. Ernährungssicherheit wird zu einer Arena internationaler politischer Kooperation. Weltweite Hilfsprogramme und transnationale Akteure entfalten eine erhebliche Wirkung.
  5. Es entstehen globale Expertennetzwerke und Wissenssysteme, die im öffentlichen Raum eine hohe Diskursmacht besitzen. Gerade internationale Organisationen generieren in erheblichem Maße Expertenwissen.
Diese fünf Elemente haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem komplexen System verdichtet. Der Beitrag möchte die historischen Wurzeln des Welternährungssystems freilegen und die wichtigsten Veränderungen vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart darstellen. In diesem Zusammenhang sollen auch verschiedene internationale Politikansätze zur Lösung des Welternährungsproblems diskutiert und mögliche Lehren für die Gegenwart gezogen werden.

Fußnoten

1.
Vgl. World Bank, 2008 World Development Indicators, Washington DC 2008, S. 106 - 109.
2.
Food. The silent tsunami, in: The Economist vom 17.4. 2008.
3.
Vgl. Erklärung des Weltbankpräsidenten Robert B. Zoellick vom 14.4. 2008, in: http://web.world bank.org/WBSITE/EXTERNAL/NEWS/0"content MDK:21729143~pagePK:64257043~piPK:
437376~the SitePK:4607,00.html (1.12. 2008); Presseerklärung der FAO vom 13.9. 2006, in: http://www.fao.org/news room/en/news/2006/1000392/index.html (1.12. 2008).