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27.1.2009 | Von:
Alexander Nützenadel

Entstehung und Wandel des Welternährungssystems im 20. Jahrhundert

Hunger, Ressourcen und internationaler Handel im Zeitalter der Weltkriege

Der Erste Weltkrieg wird gemeinhin als Ende der ersten großen Globalisierungswelle betrachtet, die im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht hatte. Tatsächlich führte der Krieg nicht nur zum Zusammenbruch der internationalen Staatenordnung, sondern beendete auch die lange Phase des liberalen Handelsverkehrs. Gleichzeitig verstärkte der Krieg jedoch das Bewusstsein über die globale Interdependenz von Produktion, Verteilung und Verbrauch von Ernährungsressourcen. Es war nicht zuletzt die Fähigkeit zu globaler Ressourcenorganisation, die den alliierten Sieg ermöglichte. In allen Krieg führenden Ländern bildeten sich umfassende Verwaltungsstrukturen heraus, um die Probleme der Nahrungsmittelversorgung in den Griff zu bekommen. Durch die Produktionsausfälle in den europäischen Kriegsgebieten und den Wegfall Russlands als Getreideexporteur nach der Oktoberrevolution entstand ein gewaltiger Bedarf an überseeischen Agrarimporten. Überschussländer wie die USA, Kanada, Argentinien und Australien steigerten ihre Produktion und konnten auf den europäischen Märkten weiter Fuß fassen.

Zu den Folgen des Ersten Weltkriegs gehörte, dass der Zugriff auf Nahrungsressourcen als erstrangige geopolitische Aufgabe begriffen wurde. Die zunehmende Regulierung der Märkte, die sich seit Mitte der 1920er Jahre in den meisten Ländern beobachten lässt, war zwar auch eine Reaktion auf die weltweite Überproduktion und den dadurch ausgelösten Preisverfall. Dennoch handelte es sich nicht einfach um eine Rückkehr zum klassischen Protektionismus des 19. Jahrhunderts. Es ging nicht allein darum, die Folgen des internationalen Preiswettbewerbs abzufedern, sondern auch darum, die langfristige Versorgung mit Ernährungsgütern in einem instabilen internationalen Umfeld zu sichern. Diese Vorstellung radikalisierte sich in den Autarkie- und Lebensraumplanungen der faschistischen Diktaturen Europas. Der Entzug von Nahrungsmitteln war zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in den besetzten Gebieten Osteuropas.[9] Doch auch in anderen Ländern kam es zu einer Renaissance malthusianischer Theorien, welche das Verhältnis von Bevölkerungswachstum und Ernährungsressourcen thematisierten.

Die 1920er Jahre waren jedoch zugleich die Geburtsstunde internationaler Kooperation und Solidarität.[10] Auch hier besaß der Erste Weltkrieg gleichsam eine katalytische Wirkung. Die Versorgung mit Ernährungsgütern galt seither als politisches Problem, das sich den klassischen nationalstaatlichen Lösungen entzog. Amerikanische und europäische Stiftungen wie der Commonwealth Fund, die Deutsche Hungerhilfe oder die Rockefeller Foundation stellten die Probleme internationaler Ernährungs- und Gesundheitspolitik in den Mittelpunkt ihrer Aktivität. Die schweren Hungerkrisen im nachrevolutionären Russland, denen etwa fünf Millionen Menschen zum Opfer fielen, lösten eine Welle der internationalen Solidarität aus.[11]

Eine Folge war, dass Hunger fortan nicht mehr nur als Symptom regionaler Krisen begriffen wurde, sondern als Ausdruck globaler Ungleichgewichte - oder zumindest als ein Problem, das ohne internationale Regulierung nicht zu bewältigen war. "Argentinien" - so erklärte der norwegische Flüchtlingskommissar Fridtjof Nansen im Oktober 1921 vor dem Völkerbund - "verbrennt seinen Getreideüberfluss, Amerika lässt in den Speichern sein Korn verfaulen, Kanada hat mehr als zwei Millionen Tonnen Getreide übrig - und in Russland sterben Millionen vor Hunger."[12]

Diese globale Perspektive prägte auch die Debatten über eine Reform der internationalen Agrarmärkte, die in den 1920er Jahren vom Völkerbund initiiert wurden und auf den Weltwirtschaftskonferenzen zu heftigen Auseinandersetzungen führten. Das vorrangige Ziel bestand nicht darin, die negativen Folgen der Überproduktionskrise für die Landwirte abzuwenden, sondern ein internationales System zu schaffen, das die weltweite Versorgung mit Nahrungsgütern gewährleistete.[13] Mit anderen Worten: Die in der Agrarpolitik lange Zeit dominierende Perspektive der Produzenten wurde nun durch eine stärkere Ausrichtung auf die Interessen der Konsumenten ergänzt. So kämpften die Vertreter des Völkerbundes oder des International Labour Office energisch gegen die zunehmende Abschottung der heimischen Märkte, die stets zu Lasten der Verbraucher ging.[14] Noch weiter gingen die Pläne von Arthur Salter, Leiter der Wirtschaftsabteilung des Völkerbundes. Salter propagierte die Einrichtung eines internationalen Food Board, das durch An- und Verkäufe von Nahrungsgütern Preisfluktuationen auf den Weltmärkten verhindern und regionale Versorgungsdefizite durch rasche Hilfslieferungen ausgleichen sollte.[15]

Fußnoten

9.
Vgl. Christian Gerlach, Krieg, Ernährung, Völkermord: Forschungen zur deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg, Hamburg 1998.
10.
Vgl. John Burnett/Derek J. Oddy (eds.), The Origins and Development of Food Policies in Europe, London-New York 1994.
11.
Vgl. Bertrand M. Patenaude, The Big Show in Bololand: The American Relief Expedition to Soviet Russia in the Famine of 1921, Stanford 2002.
12.
Zit. nach Wolfgang Eckart, Nach bestem Vermögen tatkräftige Hilfe leisten. Die Deutsche Hungerhilfe - Vorhaben und Wirkungen, in: Ruperto Carola, 3 (1999), S. 15 - 20, hier S. 16.
13.
Vgl. z.B. League of Nations, Economic Committee, The Agricultural Crisis, Genf 1931.
14.
Vgl. François Houillier, L'organisation internationale de l'agriculture. Les institutions agricoles internationales et l'action internationale en agriculture, Paris 1935, S. 290 - 91.
15.
Vgl. Frank Trentmann, Coping with Shortage: The Problem of Food Security and Global Visions of Coordination, c. 1890s-1950, in: ders./Flemming Just (eds.), Food and Conflict in Europe in the Age of the Two World Wars, Houndsmill-New York 2006, S. 28 f.