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27.1.2009 | Von:
Alexander Nützenadel

Entstehung und Wandel des Welternährungssystems im 20. Jahrhundert

Vier Ansätze der Welternährungspolitik nach 1945

Die Genese der internationalen Ernährungspolitik, wie wir sie heute kennen, ist ohne die Erfahrungen der beiden Weltkriege nicht zu verstehen. Auch wenn viele der weit reichenden Pläne nicht realisiert wurden, kristallisierten sich in dieser Phase vier strukturelle Ansätze heraus, die für die Bekämpfung von Hunger und Mangelversorgung wegweisend sein sollten.

Der erste Ansatz beruhte darauf, durch rasche, international koordinierte Nahrungsmittellieferungen aus Überschussregionen das Versorgungsangebot in Krisengebieten zu verbessern. Dieser Ansatz war stark durch die Erfahrung mit den internationalen Hilfsprogrammen der Kriegs- und Nachkriegszeit geprägt. So war das Oxford Committee for Famine Relief (OXFAM) 1942 gegründet worden, um das von Deutschland besetzte Griechenland mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Nach dem Zweiten Weltkrieg avancierte OXFAM zu einer der wichtigsten internationalen Hilfsorganisationen.[22] Auch andere Initiativen, die wie etwa CARE (Cooperative for American Remittances to Europe) zur Bewältigung der Nachkriegsnot in Europa gegründet worden waren, verlagerten ihr Engagement später in andere Weltregionen und avancierten zu globalen Akteuren der internationalen Hungerbekämpfung. Neben kirchlichen und privaten Hilfsorganisationen entstanden im Umfeld der Vereinten Nationen nach 1945 zahlreiche weitere Initiativen. Erwähnt werden muss hier vor allem das 1961 in Rom eingerichtete Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, das sich zur weltweit größten und leistungsfähigsten Einrichtung zur Versorgung von Katastrophenopfern entwickelte. Seit 1975 verwaltet das Programm eine Internationale Nahrungsmittel-Notreserve, die aus unentgeltlichen Lieferungen der UN-Mitgliedstaaten gebildet wird.[23]

Der zweite Ansatz zur Bekämpfung weltweiten Hungers zielte auf die Errichtung eines Handelssystems, welches die Ungleichgewichte der Weltagrarmärkte beseitigen sollte. Diese Überlegungen spielten von Anfang an eine wichtige Rolle, hatten doch der Zusammenbruch des internationalen Handels und die Autarkiepolitik der faschistischen Diktaturen in der Zwischenkriegszeit die weltweiten Versorgungsprobleme dramatisch verschärft. Die Schaffung einer freien und stabilen Handelsordnung war daher von entscheidender Bedeutung und prägte die Diskussionen auf den internationalen Konferenzen von Hot Springs (1943) und Bretton Woods (1945). Allerdings hielten viele Experten der internationalen Ernährungspolitik ein multilaterales Freihandelssystem für nicht ausreichend: Gerade im Agrarbereich bedürfe es besonderer Anstrengungen, um eine kontinuierliche Versorgung der Weltbevölkerung zu gewährleisten.

Gerade im landwirtschaftlichen Bereich stieß die Freihandelsdoktrin rasch an ihre Grenzen. In vielen Industriestaaten wirkte jene Tradition agrarischer Interessenspolitik fort, die schon im späten 19. Jahrhundert eine erhebliche Mobilisierungswirkung entfaltet hatte. Nach 1945 gelang es den Agrarproduzenten in den Industriestaaten, supranationale Formen des Protektionismus durchzusetzen, die Freihandel nach innen mit hohem Außenschutz verbanden. Es war nicht zuletzt der Kalte Krieg, der zu einer Reaktivierung klassischer Selbstversorgungsargumente führte und die politische Durchsetzbarkeit protektionistischer Instrumentarien erhöhte. Zwar verzeichnete der internationale Agrarhandel nach 1945 einen starken Anstieg; er blieb jedoch deutlich hinter dem Welthandel mit anderen Gütern zurück (vgl. Tab. 2 der PDF-Version). Insbesondere regionale Zollschutzsysteme wie die Europäische Agrarunion schadeten armen Agrarexportländern, die in die europäischen Massenkonsumgütermärkte kaum eindringen konnten.

Der dritte Ansatz zielte auf eine agrartechnologische Modernisierung in den Hungerregionen der südlichen Hemisphäre. Durch umfassenden Transfer von Technologie, Kapital und Institutionen sollten die armen Länder langfristig in die Lage versetzt werden, sich selbst zu ernähren. Dieser Ansatz war von amerikanischen Stiftungen bereits in den 1920er Jahren propagiert worden, entwickelte sich allerdings erst im Zuge der Dekolonisierung und des Kalten Krieges zu einem vorrangigen Politikinstrument der westlichen Industriestaaten, um Hunger, Armut und Rückständigkeit in der "Dritten Welt" zu bekämpfen.[24] Die "Green Revolution", die auf der Züchtung besonders ertragreicher und resistenter Weizen-, Mais- und Reissorten basierte, erzielte nach 1945 zunächst in Mexiko, seit den späten 1950er Jahren auch in Indien und Südostasien Erfolge, während sich die Implementierung in Afrika als sehr viel schwieriger erwies. Trotz aller Kritik an den sozialen und ökologischen Folgen ist unbestritten, dass die "Green Revolution" nach 1945 die weltweite Nahrungsmittelproduktion beträchtlich gesteigert hat. Daher verwundert es nicht, dass gegenwärtig Rufe nach einer Wiederauflage dieser Programme laut werden.

Der vierte Ansatz zur Beseitigung von Nahrungsmitteldefiziten setzte auf der Nachfrageseite an. Seit den späten 1950er Jahren mehrten sich Prognosen, die einen unverhältnismäßig starken Anstieg der Bevölkerung vorhersagten.[25] Die weltweite Produktion von Nahrungsmittelressourcen könne mit diesem demographischen Wachstum nicht Schritt halten, zumal ein großer Teil dieser Dynamik in den Ländern der "Dritten Welt" stattfinde, wo die Versorgungsprobleme ohnehin besonders akut seien. Viele Experten hielten eine konsequente Politik der Bevölkerungskontrolle daher für die einzig wirksame Strategie, um die globale Ernährungsversorgung zu sichern. Die Debatte über die "Grenzen des Wachstums" der 1970er Jahre hatte hier eine ihrer wichtigsten Ursachen.

Fußnoten

22.
Maggie Black, A Cause for Our Times: Oxfam - The First 50 Years, Oxford 1992.
23.
Vgl. D. John Shaw, The UN World Food Programme and the Development of Food Aid, Houndsmill-New York 2001, S. 192.
24.
Vgl. Nick Cullather, Miracles of Modernization: The Green Revolution and the Apotheosis of Technology, in: Diplomatic History, 28 (April 2004), S. 227 - 254.
25.
Vgl. Fritz Baade, Der Wettlauf zum Jahre 2000. Unsere Zukunft: Ein Paradies oder die Selbstvernichtung der Menschheit, Oldenburg-Hamburg 1960; Paul R. Ehrlich, The Population Bomb, New York 1968; vgl. auch ders./Anne Ehrlich, Population, Resources, Environment: Issues in Human Ecology, San Francisco 1972.