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27.1.2009 | Von:
Marita Wiggerthale

Macht Handel Hunger?

Die Nahrungsmittelkrise von 2008 hat die dramatischen Folgen einer starken Weltmarktabhängigkeit deutlich gemacht. Ein Kurswechsel in der Agrar- und Handelspolitik ist notwendig.

Einleitung

Das Jahr 2008 wird vielen Menschen als "Krisenjahr" - Nahrungsmittelkrise, Ölkrise, Finanzkrise - in Erinnerung bleiben. Dabei ist die Nahrungsmittelkrise eng mit der Ölkrise (Düngemittelpreise) und der Finanzkrise (Spekulation) verknüpft. Die sprunghaft steigenden Preise für Nahrungsmittel hatten von der Karibik über Afrika und Asien zu gewaltsamen Protesten geführt. Seit Mitte 2005 sind die Preise für Nahrungsmittel gemäß der Weltbank um mehr als 80 % gestiegen. Der World Food Price Index der Weltbank erreichte mit 292 Punkten im Juni 2008 seinen Höchststand. Nahrungsmittel wurden für viele Menschen unbezahlbar. Die Folge: Die Anzahl der Hungernden stieg um 75 Millionen. Somit gehen heute knapp eine Milliarde Männer, Frauen und Kinder Abend für Abend hungrig schlafen. Ihr fundamentales Menschenrecht auf Nahrung wird verletzt.






Hunger hat ein ländliches Gesicht. Gemäß den Angaben der UN sind 50 % der Hungernden Kleinbauern, 22 % Landlose und 8 % Menschen, die von der Fischerei-, Wald- und Weidewirtschaft leben.[1] Viele Landlose, aber teilweise auch Kleinbauern arbeiten saisonal oder in befristeten Arbeitsverhältnissen als Landarbeiterinnen und Landarbeiter für Hungerlöhne, zumeist in Exportsektoren. Die mehr als 450 Millionen Landarbeiterinnen und Landarbeiter weltweit stellen 40 % der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, davon sind im Schnitt 20 - 30 % Frauen. Sie gehören zu den Ärmsten im ländlichen Raum.[2]

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte beim Welternährungsgipfel im Juni 2008 in Rom: "Nichts ist so entwürdigend wie Hunger, besonders wenn er von Menschenhand verursacht ist."[3] Diese Einsicht ist weit verbreitet. Hingegen wird die Frage, welche Politik zur Nahrungsmittelkrise und zum Hunger in der Welt beigetragen hat, sehr kontrovers diskutiert. Ob bei der Frage der Agrartreibstoffe, der Agrarsubventionen, der Spekulation oder der forcierten Deregulierung und Liberalisierung der Landwirtschaft - die entsprechenden Akteure in der EU, den USA und den internationalen Finanzinstitutionen haben Verantwortung weitestgehend von sich gewiesen. Folglich blieb bis jetzt auch der notwendige Kurswechsel in der Agrar- und Handelspolitik aus. Dabei ist dieser angesichts von Hunger und Armut, Klimawandel, Artensterben, knapper werdenden natürlichen Ressourcen und perspektivisch steigenden Ölpreisen drängender denn je.

Fußnoten

1.
Vgl. Millennium Projekt Task Force on Hunger, Halving hunger: it can be done (Summary Version), New York 2005, in: http://www.unmillenniumproject. org/documents/HTF-SumVers_FINAL.pdf, S. 5 f. (8.12. 2008).
2.
Vgl. FAO/ILO/IUF, Agricultural Workers and their Contribution to Sustainable Agriculture and Rural Development, Rome - Geneva 2005, in: ftp://ftp.fao.org/docrep/fao/008/af164e/
af164e00.pdf, S. 2 (8.12. 2008).
3.
UN, Secretary-General's address at High-level Conference on World Food Security, in: http://www.un.org/apps/sg/sgstats.asp?nid=3202 (10.12. 2008).