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27.1.2009 | Von:
Peter Jarchau
Marc Nolting
Kai Wiegler

Nahrungsquelle Meer

Zur Bewahrung des Meeres als Nahrungsquelle für etwa eine Milliarde Menschen muss eine nachhaltige Fischereipolitik betrieben und die Überkapitalisierung der industriellen Fangflotten abgebaut werden.

Einleitung

Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einmal satt, lehre ihn Fischen, und er wird nie wieder hungern." Dieses mehr als 2 600 Jahre alte Sprichwort des chinesischen Philosophen Laotse ist heute nur noch bedingt richtig. Das Meer ist noch immer die größte Nahrungsquelle der Welt, auf die mehr als eine Milliarde Menschen direkt angewiesen sind, doch die Fischerei befindet sich weltweit in einer schweren Krise und muss Lösungen für erhebliche Probleme finden.














Die Oberfläche unseres "blauen Planeten" wird zwar zu über 70 % vom Meer bedeckt, doch auf nur 5 % der Weltmeeresfläche, nämlich in den küstennahen und nährstoffreichen Schelfgebieten, finden fast 90 % der Fischereiaktivitäten statt. 75 % der weltweiten Fischbestände sind nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO bereits maximal befischt, erschöpft oder zusammengebrochen. Um den steigenden Bedarf an Fischprodukten zu befriedigen, werden trotzdem jedes Jahr weltweit mehr als 90 Millionen Tonnen Nahrungsmittel aus dem Meer gezogen - dank Hightech und moderner Fanggeräte.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ging die wissenschaftliche Lehrmeinung davon aus, dass durch die enorme Produktivität der Ozeane eine Überfischung überhaupt nicht möglich ist. Seit wenigen Jahrzehnten ist diese Ansicht eindeutig widerlegt. Das Lebensmittel Fisch wird immer knapper, und es besteht die Gefahr, dass die Menschen bald ganz auf Seefisch verzichten müssen. In einem 2006 veröffentlichten Artikel stellen Wissenschaftler der Dalhousie University Halifax in Kanada die Prognose, dass bis zum Jahr 2048 alle kommerziell nutzbaren Arten in den Weltmeeren verschwunden sein werden, sollte der Fischfang mit der gleichen Intensität betrieben werden wie bisher.[1]

Trotz dieser dramatischen Entwicklung steigt durch das anhaltende Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern und das geänderte Konsumverhalten in den Industrieländern der Fischverbrauch kontinuierlich. Im Jahre 2015 wird nach Schätzungen der FAO der jährliche weltweite Bedarf an Fischprodukten bei etwa 180 Millionen Tonnen liegen.[2] Das sind etwa 30 Millionen Tonnen mehr, als heute zur Verfügung stehen. Diese Nachfrage kann nur durch Fischzucht (Aquakultur) gedeckt werden. Allerdings birgt auch diese Lösung Probleme: Die meisten der von Konsumenten in den Industrieländern bevorzugten Zuchtfische wie Lachs oder Forelle sind Raubfische, die mit Fischmehl aufgezogen und gemästet werden. Für jedes Kilogramm Zuchtlachs müssen etwa vier Kilogramm Fisch verfüttert werden. Fischmehl stammt zum Großteil von Sardinen und Anchovis aus den produktiven Auftriebsgebieten vor den Küsten Perus und Chiles und konnte bisher noch nicht durch pflanzliches Protein ersetzt werden. Nur durch eine Minderung des Fischmehlanteils in den Futtermitteln und durch den Ausbau der Süßwasserfischzucht kann die Aquakultur langfristig eine sinnvolle und ökologisch vertretbare Alternative bzw. Ergänzung zur Fangfischerei darstellen.

Es ist damit zu rechnen, dass die Preise für Fischprodukte aufgrund der nur begrenzten Verfügbarkeit schneller steigen werden als bisher. Insbesondere in den Entwicklungsländern werden zudem steigende Nahrungsmittelpreise für landwirtschaftliche Produkte und die wahrscheinliche Verdrängung von Kleinbauern durch eine Intensivierung der Landwirtschaft zu noch dichterer Besiedelung von Küstenregionen führen. Dadurch werden die ohnehin begrenzten Meeresressourcen noch stärker angegriffen. Es wird geschätzt, dass insgesamt etwa 200 Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt aus dem Fischereisektor bestreiten; circa 95 % davon leben in Entwicklungsländern.[3] Da heute bereits etwa 50 % der Fischexporte aus Entwicklungsländern stammen, ist bei einem weiteren Rückgang der Ressourcen mit dem Einbruch wichtiger Deviseneinnahmequellen für viele Entwicklungsländer zu rechnen. Ausbleibende Fänge werden besonders für die lokale Bevölkerung, die direkt oder indirekt auf die Fischerei als Lebenserwerb angewiesen ist, nicht nur starke wirtschaftliche Konsequenzen haben, sondern kurz- und mittelfristig auch zu Engpässen in der Proteinversorgung führen. Mehr als eine Milliarde Menschen sind auf Fisch als primäre Proteinquelle angewiesen.

Zwar stellt die weltweite massive Überfischung - insbesondere durch die modernen Fangflotten - die größte Gefahr für die Ökosysteme der Meere dar, aber auch Klimawandel und Umweltverschmutzung bedrohen die in den Weltmeeren lebenden Organismen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden laut dem letzten Sachstandsbericht des UN-Klimarates Temperaturerhöhungen und Versauerungen der oberen Meeresschichten die Vorkommen von Fischarten weiter verschieben, mit negativen Folgen für Fischerei und Fischzucht.[4] Insgesamt gelten 40 % der Wasserflächen wegen Überfischung und Verschmutzung als stark angegriffen.[5]

Ein Ausweg aus diesem Dilemma kann nur durch radikales Umdenken im Umgang mit den natürlichen Ressourcen des Meeres gefunden werden. Notwendig sind die Umsetzung einer globalen, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Fischereipolitik, der Abbau von Überkapazitäten und Überkapitalisierung der industriellen Fangflotten, die Bekämpfung der illegalen Fischerei und mehr Wertschöpfung in den Entwicklungsländern.

Fußnoten

1.
Vgl. Boris Worm et al., Impacts of Biodiversity Loss on Ecosystem Services, in: Science, Vol. 314, vom 3. November 2006, S. 790.
2.
Vgl. Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), Fisheries and Aquaculture Department, The state of world fisheries and aquaculture 2006, Rome 2007, S. 151.
3.
Vgl. Boris Worm/David Vanderzwaag, High Seas Fisheries: Troubled Waters, Tangled Governance and Recovery Prospects, in: Behind the headlines, Vol. 64 (2007) 5, published by the Canadian Institute of International Affairs (Toronto) and the Centre for International Governance Innovation (Waterloo), S. 4.
4.
Vgl. WMO/UNEP, Intergovernmental Panel on Climate Change Technical Paper VI - Climate change and Water, Geneva 2008, S. 57 - 63, S. 104.
5.
Vgl. Benjamin S. Halpern et al., A global map of human impact on marine ecosystems, in: Science, Vol. 319, vom 15.2. 2008, S. 948.