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13.12.2010 | Von:
Stefan Hradil

Der deutsche Armutsdiskurs - Essay

Gibt es eine Unterschicht?

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck machte vor einiger Zeit mit der Behauptung Schlagzeilen, in Deutschland habe sich eine "Unterschicht" entwickelt, in der Aufstiegsbestrebungen und entsprechende Bemühungen kaum noch zu finden seien.[9] In der darauf folgenden Kontroverse wurde diese Schicht nicht nur als einkommensschwach beschrieben, sondern ihren Angehörigen auch unterstellt, eigene Denk- und Verhaltensweisen bis hin zu einer eigenen Kultur ausgebildet zu haben. Dieses Verständnis von einer "Unterschicht" geht über bloße Einkommensarmut weit hinaus.

Die Meinungen gehen stark auseinander, inwieweit Arme in Deutschland eine eigene Schicht darstellen. Im Armutsdiskurs lassen sich hierzu vier Stufen wachsender Radikalität feststellen. Da finden sich erstens Meinungen, von einer Unterschicht sei bislang kaum etwas zu entdecken. Schon allein deshalb sei der diskriminierende Begriff zu vermeiden.[10] Unter anderem wird argumentiert, dass sehr viele Menschen gar nicht lange genug in Armut leben, um sich daran anzupassen und eigene Verhaltensweisen auszubilden.

Dann findet sich zweitens die gemäßigte Auffassung von einer armen Unterschicht, wie sie auch Kurt Beck vertrat. Sie beschränkt sich darauf zu behaupten, es herrsche heute in der armen Bevölkerung Resignation vor. Insbesondere Aufstiegsbestrebungen seien immer seltener zu finden. Diese These lässt offen, ob (länger andauernde) Armut den Ursprung der geringen Aufstiegsbemühungen bildet oder ob umgekehrt Resignation und geringe Aufstiegsbemühungen die Quelle der Einkommensarmut darstellen. Beck empfahl bekanntlich einem Arbeitslosen, der sich über sein Schicksal beklagte, sich zu waschen und zu rasieren, dann habe er in drei Wochen eine Stelle.[11] Er unterstellte also, dass individuelles Verhalten Armut zumindest verlängern könne.

Drittens meint eine viel weiter gehende Auffassung von "Unterschicht", dass sich innerhalb der armen Bevölkerung, ausgehend von längerfristig erfahrener Armut, eine ganze Kultur mit einem geschlossenen Syndrom von Denk- und Verhaltensweisen entwickelt habe, die in vielerlei Hinsicht problematisch sind, nicht nur im Hinblick auf sozialen Aufstieg. Da wird von perfektionierten Fertigkeiten gesprochen, Sozialhilfe zu nutzen und auszunutzen. Der Empfang von Sozialleistungen werde einer Erwerbstätigkeit vorgezogen, weil der Lohnabstand zu gering sei, weil Schulden und fällige Unterhaltszahlungen vom Lohn abgezogen würden etc. Da werden Dauerfernsehen auch tagsüber, Vernachlässigung der Kinder, ungesunde Ernährung, Überschuldung und ein Mangel an Vorbildern diagnostiziert.[12]

Diese Sichtweise der "Unterschicht" erachtet die Einstellungen und Verhaltensweisen ihrer Mitglieder nicht nur als problematisch für sie selbst, sondern auch als schädlich für andere. Meist wird unterstellt, dass es die üblen Lebensumstände sind, die Menschen in ihr Verhalten drängen, dass also (frei nach Karl Marx) "das Sein das Bewusstsein" prägt. Das sei vor allem dann zu erwarten, wenn Menschen schlechten Lebensbedingungen relativ lange ausgesetzt sind. Diese Auffassung läuft also meist nicht auf die Behauptung hinaus, die Menschen seien selbst schuld an ihrer Misere. Brisant ist die Auffassung dennoch, und zwar was ihre Konsequenzen betrifft: Wer die Unterschicht kulturell verfestigt und deren "Vererbung" im Gange sieht, ist skeptisch, was die Wirkung und die weitere Erhöhung von direkten Finanzhilfen betrifft. Sie scheinen die Menschen eher noch weiter in ihre problematische Unterschichtkultur hineinzutreiben. Es sind dagegen Familienhilfen, Schuldnerberatungen und Sozialarbeit, die Abhilfe versprechen. Diese Schlussfolgerung ist sehr unbeliebt bei jenen, die den Sozialstaat zu allererst an seinen direkten Finanzleistungen messen und optimistischerweise annehmen, dass sich mit erhöhten regelmäßigen Geldzuwendungen auch eingeschliffene problematische Verhaltensweisen ändern werden.[13]

Der Historiker Paul Nolte prangerte 2003 mit einer ebenso bekannt gewordenen wie viel kritisierten Formulierung die "fürsorgliche Vernachlässigung" der Unterschicht an.[14] Diese Warnung vor der kontraproduktiven Wirkung laufender Finanzzuwendungen, dieses Plädoyer für die "Vermittlung kultureller Standards und Leitbilder" richtete sich auch an Mittelschicht und Bürgertum, die sich seiner Meinung nach allzu oft untätig im Bewusstsein zurücklehnen, mit ihren hohen Steuern doch viel für die Unterschicht zu leisten.

Der Übergang von dieser Perspektive zu einer vierten Sicht der Unterschicht ist fließend. Hiernach haben deren Mitglieder sehr wohl die Entscheidungsfreiheit, weniger kalorienreich zu essen, ihren Kindern ein Frühstück mit in die Schule zu geben, die Hausaufgaben der Kinder zu kontrollieren und sich um Erwerbsarbeit zu bemühen, statt sich auf die "Stütze" zu verlassen. Wer problematisches Verhalten in der Unterschicht so sieht, diagnostiziert einen Mangel an (Selbst-)Disziplin. Diese moralische Verurteilung der Unterschicht ist keineswegs nur an Stammtischen zu hören. Sie wurde und wird in zahlreichen Zeitschriften- und Fernsehbeiträgen vertreten. So war etwa 2004 im "Stern" zu lesen: "Armut macht also nicht krank. Der schlechte Gesundheitszustand der Unterschicht ist keine Folge des Geldmangels, sondern des Mangels an Disziplin. Disziplinlosigkeit ist eines der Merkmale der neuen Unterschichtkultur." Und weiter: "Die Unterschicht verliert die Kontrolle, beim Geld, beim Essen, beim Rauchen, in den Partnerschaften, bei der Erziehung, in der gesamten Lebensführung."[15]

Diese abwertenden Diagnosen von Defiziten sind aus soziologischer Sicht weit überzogen. Zum einen halten sich die beschriebenen Phänomene schon rein quantitativ in Grenzen. Sie lassen sich keinesfalls für große Teile oder gar für alle der rund zehn Millionen Einkommensarmen Deutschlands insgesamt beobachten. Zum anderen ist der Grad der Freiwilligkeit bzw. der Wählbarkeit von Verhaltensweisen gerade in beengten Lebensverhältnissen geringer, als viele der moralischen Verdikte unterstellen. Schon mancher aus bürgerlichen Mittelschichten musste selbst erfahren, wie schnell er in Impulskäufe oder andere "Disziplinlosigkeiten" geriet, wenn es finanziell eng wurde.

Schließlich werden die Folgen bei weitem zu negativ gesehen, so zum Beispiel vom Soziologen Heinz Bude: Die Mitglieder der Unterschicht stellen ihm zufolge "eine Gefahr für alle dar: Sie verzehren die Grundlagen des Wohlfahrtsstaats, bilden eine unerreichbare Parallelwelt und fungieren als unberechenbarer Resonanzboden für populistische Bestrebungen."[16] Es ist daran zu erinnern, dass unser Wohlfahrtsstaat - quantitativ gesehen - nicht wegen der Armutsbekämpfung aus den Fugen zu geraten droht. Auch Populismus und politischer Extremismus finden weniger in den untersten Schichten der Gesellschaft Widerhall als in jenen, die infolge eigener Qualifikation oder wegen sozialer Abstiege den Anspruch auf einen bestimmten Status zu haben glauben, der ihnen derzeit verwehrt wird.

Die Maßnahmen, die aus der Sicht derer getroffen werden sollten, welche die Unterschicht moralisch verurteilen, liegen auf der Hand: Nicht hilfreich erscheinen regelmäßige unkonditionierte Geldzuwendungen oder Hilfen, die auf Freiwilligkeit bauen. Dagegen empfehlen sich Kontrollen, Strafen, zweckgebundene Gutscheine, pflichtgemäße Unterweisungen.

Diese Sichtweise wird oft schon aus Prinzip abgelehnt, weil man die Menschen eher als Opfer ihrer schlechten materiellen Verhältnisse denn als Schuldige sieht. Und in diesem Zusammenhang fallen nicht nur dogmatische Glaubenssätze, sondern auch Argumente, die nicht so leicht vom Tisch zu wischen sind: Wenn ein zu großzügiger Sozialstaat für die Entstehung einer nicht-autonomen wohlfahrtsabhängigen Unterschicht verantwortlich sei, dann müsste die Unterschicht nicht hauptsächlich in den USA und in Großbritannien, sondern in Schweden beheimatet sein.[17]

Aber richtig scharf wird die Kritik an der "Kulturalisierung" und der moralischen Verurteilung der Unterschicht, wenn der Verdacht aufkommt, diese Sichtweise sei strategisch motiviert, um wohlfahrtsstaatliche Leistungen zurückzustutzen und die Kassen der Begüterten zu schonen. Damit wird angesprochen, wer nach Meinung vieler im gegenwärtigen Armutsdiskurs der wahre Adressat von Verurteilungen der Unterschicht ist: die Mittelschicht.

Bevor ich im letzten Abschnitt hierauf näher eingehen werde, soll aber noch eine, wenngleich kleine Nische des Armutsdiskurses ausgeleuchtet werden. Vielleicht als Antwort auf übertriebene Abwertungen der Unterschicht sind - in erster Linie innerhalb der Sozialwissenschaften, aber auch im Bereich der Mode und der Medien - in letzter Zeit nicht minder fragwürdige Aufwertungen entstanden. Trash-Kultur und Adipositas gelten auf einmal als kulturelle Kennzeichen der Unterschicht mit Eigenwert. Schulversagen infolge sprachlicher Mängel und Schulschwänzens werden als "institutionelle Diskriminierung" durch die Schule interpretiert, die bürgerliche Standards mit Macht durchsetze. Wer auf die geringe Weitergabe "kulturellen Kapitals" (Pierre Bourdieu) durch Eltern bildungsferner Milieus verweist, wird beschuldigt, die Unterschicht zu diffamieren und die Schule von Schuld entlasten zu wollen.

Im Grunde wird so die Jahrzehnte alte, in den 1960er Jahren in der Soziolinguistik (Basil Bernstein) bekannt gewordene Kontroverse zwischen der Defizit- und der Differenzhypothese wieder aufgegriffen. Letztere besagt, dass die Kultur der Unterschicht gleichwertig und nur anders als die der Mittelschicht sei. Die Defizithypothese dagegen charakterisiert Sprache und Kultur der Unterschicht als minderwertig. Doch schon in den 1970er Jahren war klar geworden, dass weder die reine Defizithypothese haltbar ist, noch die reine Differenzhypothese zutrifft. Heute aber werden beide Sichtweisen, die Wahrnehmung einer minderwertigen und die einer gleichwertigen Unterschicht, wieder in aller Reinheit und Unkenntnis verfochten. Es gibt auch diskursive Rückschritte.[18]

Fußnoten

9.
Vgl. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 8.10.2006.
10.
Vgl. "Der Begriff Unterschicht ist diskriminierend und falsch", in: Frankfurter Rundschau vom 17.10.2006.
11.
Vgl. Björn Hengst/Carsten Volkery, "Waschen und Rasieren, dann kriegen Sie auch einen Job", 13.12.2006, online: www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518
,454389,00.html (22.11.2010).
12.
Vgl. Gabor Steingart, Die neuen Proleten, in: Der Spiegel vom 16.9.2006.
13.
Vgl. z.B. Christoph Butterwegge/Michael Klundt/Matthias Belke-Zeng, Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland, Wiesbaden 2008.
14.
Vgl. Das große Fressen, in: Die Zeit vom 17.12. 2003.
15.
Zit. nach: Karl August Chassé, Unterschichten in Deutschland, Wiesbaden 2010.
16.
Heinz Bude, Das Phänomen der Exklusion, in: Mittelweg 36, (2004) 4, S. 5.
17.
Vgl. Catrin Heite et al., Das Elend der Sozialen Arbeit - Die "neue Unterschicht" und die Schwächung des Sozialen, in: Fabian Kessel/Christian Reutlinger/Holger Ziegler (Hrsg.), Erziehung zur Armut? Soziale Arbeit und die "neue Unterschicht", Wiesbaden 2007, S. 55-79.
18.
Vgl. Stefan Hradil, Die Armut und die Unterschicht. Eine Kontroverse wird härter, in: GWP, 59 (2010) 1, S. 105-110.

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