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13.12.2010 | Von:
Olaf Groh-Samberg

Armut verfestigt sich - ein missachteter Trend

Entwicklung und Diskurse

Armut in Deutschland nimmt, sofern sich das empirisch nachzeichnen lässt, bereits seit Ende der 1970er Jahre zu. Die verfügbaren längeren Zeitreihen zu Armutsindikatoren - Sozialhilfebezug und relative Einkommensarmut auf Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) - folgen demselben U-förmigen Verlauf, mit auffälligen Parallelen zum Verlauf der Arbeitslosigkeit:[3] Einer steilen Abnahme der hohen nachkriegsbedingten Armut folgt eine mehrjährige Talsohle der Armutsquoten in den 1970er Jahren. Ende desselben Jahrzehnts beginnt dann der langsame, aber kontinuierliche Wiederanstieg der Armut in Deutschland, der insbesondere in den zurückliegenden zehn Jahren noch einmal eine deutliche Beschleunigung erfährt.

Differenzierter lässt sich die Entwicklung der Einkommensarmut ab Mitte der 1980er Jahre verfolgen.[4] Betrachtet man die Entwicklung der Einkommensarmutsrisikoquote auf Basis des SOEP, so beginnt diese 1984 auf einem vergleichsweise hohen Niveau, nimmt jedoch bis Ende der 1980er Jahre zunächst leicht ab, und folgt in den 1990er Jahren konjunkturellen Schwankungen. Ein besonders ausgeprägter Anstieg der Einkommensarmut lässt sich seit etwa der Jahrtausendwende beobachten. Das Bemerkenswerte an dieser Entwicklung ist, dass der Anstieg monoton verläuft und sich von konjunkturellen Entwicklungen weitgehend unbeeindruckt erweist. Zwischen 1999 und 2006 sind die Einkommensarmutsquoten sieben Jahre in Folge gestiegen - von 10,4 Prozent im Jahr 2000 auf 14,8 Prozent 2006. Im Erhebungsjahr 2009 verharrt die Einkommensarmut auf dem sehr hohen Niveau von 14,6 Prozent. Es scheint, als hätte eine Entkopplung von Armutsentwicklung und Arbeitsmarktentwicklung stattgefunden: Die Armen profitieren nicht länger vom wirtschaftlichen Aufschwung.

Kontrovers wird diskutiert, was genau sich hinter dieser Entwicklung verbirgt und wie sich die Armutsentwicklung interpretieren lässt. Auf der einen Seite steht die Diagnose einer "Verzeitlichung" und "Entstrukturierung" der Armut.[5] Sie stützt sich auf eine längsschnittliche Betrachtung von individuellen Armutskarrieren, die deutlich macht, dass Armutsphasen häufig nur kurz andauern und oftmals mit kritischen Passagen im Lebensverlauf verbunden sind. In einer dynamischen Perspektive sind einerseits weitaus mehr Menschen (zumindest kurzzeitig) von Armut betroffen als in der Querschnittsbetrachtung, aber andererseits ist nur ein geringer Anteil kontinuierlich arm. Vor dem theoretischen Hintergrund der Individualisierungsthese wurde die Verzeitlichung der Armut als Ausdruck neuer Lebenslaufrisiken interpretiert, die sich quer zu den sozialen Klassen oder Schichten in der Gesellschaft verbreiten und damit zu einer sozialen Entgrenzung der Armut führen.

Eine Gegenthese zu diesem Szenario bildete die Diagnose einer entstehenden neuen underclass der "Überflüssigen" oder "Entbehrlichen"[6] oder eines "abgehängten Prekariats".[7] Den unterschiedlichen Etiketten gemeinsam ist die Vorstellung einer sozialen Schicht am untersten Rand der Gesellschaft, die nahezu vollständig abgekoppelt ist von der Welt der Erwerbsarbeit, im Wesentlichen von sozialstaatlichen Transfers lebt und eine eigene "Unterschichtskultur" entwickelt, die je nach ideologischer Färbung und intellektuellem Feingefühl in mehr oder minder stereotypen und stigmatisierenden Bildern gezeichnet wird. Die Unterschicht zeichnet sich demnach nicht nur und möglicherweise nicht einmal primär durch ihre materielle Armut und Arbeitslosigkeit aus, sondern durch ihre Transferabhängigkeit, ihre "Ungebildetheit" und ihre zur Lebenshaltung geronnene Hoffnungslosigkeit, die sich nicht zuletzt in Zustimmungen zu rechtsextremen Parteien äußere.

Zwischen diesen Extremen bewegen sich weitere Diagnosen wie die einer Zweidrittelgesellschaft und fortschreitenden Polarisierung von Armut und Reichtum. Besondere Aufmerksamkeit hat in jüngerer Zeit die Diagnose einer "schrumpfenden Mittelschicht" erfahren,[8] die nicht nur auf die dramatisch angestiegene Armutspopulation verweist, sondern auch auf den parallelen Anstieg von Personen im Reichtum und damit auf die insgesamt zunehmende Einkommensungleichheit. In den Feuilletons wird dies bisweilen zur Annahme drastischer Verelendungstendenzen der Mittelschichten zugespitzt. Es gilt als Gemeinplatz, dass die Armut zunehmend auch die Mittelklassen erreicht habe, in der sich die Angst vorm sozialen Abstieg ausbreite.[9] Dahinter steht das Szenario einer die gesamte Gesellschaft durchdringenden und bedrohenden Prekarisierung und Verarmung, die vor keinen Klassen- und Standesgrenzen mehr Halt mache.

Fußnoten

3.
Vgl. ebd., S. 46-49.
4.
Vgl. Markus M. Grabka/Joachim R. Frick, Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen, in: DIW-Wochenbericht, (2010) 7, S. 2-11.
5.
Vgl. Stephan Leibfried et al., Zeit der Armut: Lebensläufe im Sozialstaat, Frankfurt/M. 1995; Lutz Leisering, Dynamik von Armut, in: Ernst-Ulrich Huster/Jürgen Boeckh/Hildegard Mogge-Grotjahn (Hrsg.), Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung, Wiesbaden 2008, S. 118-132.
6.
Vgl. Martin Kronauer, Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus, Frankfurt/M.-New York 2002; Heinz Bude, Die Ausgeschlossenen, München 2008.
7.
Vgl. Gero Neugebauer, Politische Milieus in Deutschland, Bonn 2007.
8.
Vgl. Markus M. Grabka/Joachim R. Frick, Schrumpfende Mittelschicht - Anzeichen einer dauerhaften Polarisierung der verfügbaren Einkommen?, in: DIW-Wochenbericht, (2008) 10, S. 101-108.
9.
Vgl. Nicole Burzan/Peter A. Berger (Hrsg.), Dynamiken (in) der gesellschaftlichen Mitte, Wiesbaden 2010.

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