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13.12.2010 | Von:
Olaf Groh-Samberg

Armut verfestigt sich - ein missachteter Trend

Definition und Messung von Armut

Um diese unterschiedlichen Trenddiagnosen empirisch überprüfen zu können, bedarf es jedoch eines komplexeren Konzepts zur empirischen Messung von Armut als das der statischen relativen Einkommensarmut. Nach einer Definition der Europäischen Kommission, der sich auch die Bundesregierung in ihren Armuts- und Reichtumsberichten angeschlossen hat, gelten Personen und Familien als arm, "die über so geringe (materielle, soziale und kulturelle) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist". Wie sich diese allgemeine Definition in eine empirische Messung von Armut umsetzen lässt, ist jedoch nach wie vor höchst unklar und umstritten.

Die Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung hat sich mit der theoretischen Interpretation von Armut als "Mangel an Verwirklichungschancen" im Anschluss an Amartya Sen einem ambitionierten Konzept verschrieben. Auch hier klaffen jedoch Anspruch und Wirklichkeit (sprich empirische Operationalisierung) noch weit auseinander. Erneut entsteht der Eindruck, als diene die theoretische Rhetorik mehr dem schönen Schein als der Konfrontation mit empirischer Realität. Die Konzeptionalisierung von Armut als Mangel an Verwirklichungschancen muss in den Kurzzusammenfassungen der Berichte vor allem dazu herhalten, um zu betonen, dass "die Wahrnehmung von Chancen nicht zuletzt vom Einzelnen ab(hängt)".[10]

Das am stärksten verbreitete Konzept der Armutsmessung, das auch die empirischen Teile der Armuts- und Reichtumsberichte dominiert, ist nach wie vor das der relativen Einkommensarmut. Nach diesem Konzept gilt als arm, wer über ein bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen (auch "Äquivalenzeinkommen" genannt) von weniger als 60 Prozent des gesellschaftlichen Durchschnitts (Median) verfügt - unter der Annahme, dass bei einem solchen Einkommen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht mehr möglich ist. Abgesehen von den Messfehlern disponibler Einkommen liefern jedoch zeitlich punktuelle Messungen der Haushaltsnettoeinkommen nur ein ungenaues Bild von den tatsächlich verfügbaren ökonomischen Ressourcen, die über die Teilhabemöglichkeiten bestimmen. So werden Vermögen und Verschuldung sowie zeitliche Aspekte mit diesem Indikator nicht erfasst. Es ist durchaus möglich, dass Haushalte trotz geringer monetärer Ressourcen einen akzeptablen Lebensstandard wahren können - etwa wenn der Ressourcenmangel nur für eine begrenzte Zeit anhält, auf angespartes Vermögen, Eigenarbeit oder verwandtschaftliche Unterstützung zurückgegriffen werden kann oder Verschuldung möglich ist. Ebenso können umgekehrt spezifische Bedarfslagen - zum Beispiel schwere Erkrankungen oder Verschuldung - dazu führen, dass trotz durchschnittlicher Einkommen materielle Mängel (Deprivationen) in zentralen Lebensbereichen fortbestehen. Das Verhältnis von (laufenden) Einkommen und materiellen Lebenslagen (bzw. Konsumstandards) ist dabei prinzipiell in einer zeitlichen Perspektive zu betrachten, da Haushalte dazu tendieren, ihre monetären Ressourcen zeitlich umzuverteilen, um möglichst gleichbleibende Lebensstandards zu wahren.

Aufgrund dieser Unzulänglichkeiten statischer Einkommensarmut wird in der europäischen Forschungsliteratur zu Armut seit Längerem dafür plädiert, die "indirekte" Armutsmessung über die Haushaltsnettoeinkommen durch "direkte" Messungen des Lebensstandards zu ergänzen, und darüber hinaus Armut im Längsschnitt, also über einen mehrjährigen Zeitraum, zu betrachten.[11] Im Idealfall sollte beides zugleich geschehen, da eine rein querschnittliche Betrachtung notwendig zu einer Überschätzung des mismatch von Einkommens- und Deprivationsarmut führt, während umgekehrt längsschnittliche Armutsanalysen auf Basis isolierter Indikatoren zu einer Überschätzung der Dynamik von Armut führen.

Fußnoten

10.
BMAS (Anm. 1), 2008, S.I.
11.
Vgl. etwa Brian Nolan/Christopher T. Whelan, Resources, Deprivation, and Poverty, Oxford 1996.

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