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13.12.2010 | Von:
Olaf Groh-Samberg

Armut verfestigt sich - ein missachteter Trend

Trendentwicklung

Die Unterscheidung von Erscheinungs- und Erfahrungsweisen von Armut und Prekarität eignet sich besonders gut für eine Überprüfung der unterschiedlichen Annahmen zur Trendentwicklung. Die in der Abbildung (sh. Abbildung in der PDF-Version) dargestellten Trendanalysen zeigen, dass die große Gruppe im gesicherten Wohlstand über die vergangenen 26 Jahre hinweg relativ stabil bei 44 bis 48 Prozent der westdeutschen Bevölkerung liegt, mit leichten, aber trendlosen Schwankungen. Das bedeutet, dass die obere Hälfte der Bevölkerung vom Anstieg der Armut in diesem Zeitraum nicht betroffen war. Nicht einmal temporär oder in einzelnen Lebensbereichen nehmen hier Anzeichen und Erfahrungen der Armut oder Prekarität zu.[15]

Betrachtet man die Verteilung in der unteren Bevölkerungshälfte, so zeigt sich vor allem ein dominanter Trend: Die Zone des instabilen Wohlstands nimmt im Zeitverlauf deutlich ab (in Westdeutschland von etwa 32 Prozent in den ersten auf 28 Prozent in den letzten Fünfjahresperioden), während die Zone der extremen Armut deutlich zunimmt (von etwa sechs auf zehn Prozent). Die anderen Ausprägungen von Prekarität und entstrukturierter Armut erweisen sich dagegen als relativ stabil: In der Zone der Prekarität leben etwa zehn Prozent der Bevölkerung, starke Schwankungen zwischen Armut und Wohlstand erfahren etwa vier bis fünf Prozent der Bevölkerung, und in einseitiger Armut leben, mit leicht abnehmender Tendenz, drei bis vier Prozent der Bevölkerung.

Trotz der Unterschiede in den Einkommens- und in einzelnen Lebenslagen zwischen Ost- und Westdeutschland ergibt sich für den Osten ein durchaus ähnliches Bild, mit einer noch deutlicheren Ausprägung der auch im Westen erkennbaren Trends. Die Zone des gesicherten Wohlstands ist erwartungsgemäß kleiner als im Westen, und sie entwickelt sich ebenfalls erstaunlich stabil. Die dominanten Trends bestehen auch hier in einer Abnahme der Zone des instabilen Wohlstands (von etwa 36 auf unter 30 Prozent) und einer dramatischen Zunahme der Zone der verfestigten Armut von etwa vier Prozent in den ersten beiden Perioden auf elf bis zwölf Prozent in den letzten beiden Perioden. Die Zone der Prekarität umfasst wie im Westen etwa zehn Prozent der Bevölkerung und weist keinen gerichteten Trend auf. Die beiden Typen der "entstrukturierten" Armut finden sich im Osten etwas häufiger als im Westen, aber sie sind auch hier weitgehend stabil über die Zeit.

Die empirischen Befunde widersprechen damit den Thesen einer Entstrukturierung und Entgrenzung der Armut. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: In West- wie in Ostdeutschland haben wir es mit einer über die Zeit hinweg zunehmenden Verfestigung von Armut am unteren Rand der Gesellschaft zu tun. Die Stabilität der Zone des gesicherten Wohlstands, wie auch die Stabilität der entstrukturierten Typen der Armut, lassen darauf schließen, dass die Zunahme der Armut nicht in Form eines abbröckelnden Wohlstands oder eines "Fahrstuhleffekts nach unten" verläuft, sondern in Form einer Verfestigung der Armut "von unten nach oben".

Die Tendenz zur Verfestigung von Armut lässt sich auch durch tiefergehende Analysen bestätigen. So nimmt etwa der innere, statistische Zusammenhang der gewählten Indikatoren im Zeitverlauf tendenziell zu.[16] Insofern kann auch die These einer zunehmenden Status-Inkonsistenz der Armut widerlegt werden. Dasselbe gilt für die These der Verzeitlichung der Armut. Für alle Einzelindikatoren ebenso wie für den Gesamtindikator lässt sich zeigen, dass der Anteil kurzzeitiger Armut (Anteil der Personen, die genau ein Jahr von fünf betrachteten Jahren von Armut bzw. Deprivation betroffen sind) im Verhältnis zur dauerhaften Armut (Anteil der Personen, die vier oder fünf Jahren betroffen sind) im Zeitverlauf klar rückläufig ist.

Eine andere Möglichkeit der weitergehenden Analyse der Armutsentwicklung besteht darin, die Übergangswahrscheinlichkeiten von einer Fünfjahresperiode in die nächstfolgende zu betrachten. Dies ist nur für Personen möglich, die mindestens zehn Jahre kontinuierlich an der Befragung teilgenommen haben. Auf Basis dieser Population kann gezielt gefragt werden, inwiefern "Abstürze" aus Wohlstandslagen in Prekarität oder Armut über die Zeit hinweg zugenommen haben. Die Analysen zeigen, dass extreme Abstiege aus der Zone des gesicherten Wohlstands in die Zone der verfestigten Armut praktisch gar nicht vorkommen, und auch Abstiege aus dem gesicherten Wohlstand in die Prekarität oder aus dem instabilen Wohlstand in verfestigte Armut nur sehr selten sind und über die Zeit nicht signifikant zunehmen.[17]

Dagegen lassen sich eine Zunahme von Abstiegen aus der Zone der Prekarität in die verfestigte Armut und eine deutliche Zunahme des Verbleibs in der Zone der verfestigten Armut erkennen. Der Anteil der Personen, die sich nach fünf Jahren in der verfestigten Armut auch in den folgenden fünf Jahren in dieser Zone befindet, steigt im Beobachtungszeitraum von unter 50 auf über 75 Prozent an. Wenn überhaupt, gelingen lediglich kleine Aufstiege in die benachbarte Zone der Prekarität, oder in eine Form der temporären oder einseitigen Armut. Aufstiege in den gesicherten Wohlstand finden sich so gut wie gar nicht, und Aufstiege in den instabilen Wohlstand liegen mit schwankenden, tendenziell abnehmenden Werten zwischen fünf und zwölf Prozent im Westen und im Osten noch darunter.

Der generelle Anstieg der Armut in Deutschland kann also nicht durch zunehmende Abstiege in die Armut erklärt werden - und damit auch nicht durch vermehrte Prekarisierungen der gesellschaftlichen Mitte. Im Gegenteil: Der treibende Faktor bei der Zunahme der Armut ist vielmehr, dass es in Deutschland immer schwieriger geworden ist, aus der Armut wieder herauszukommen. Die Armutsentwicklung trifft diejenigen am härtesten, die ohnehin schon nahe an ihr oder gar schon lange in ihr leben.

Auch im Hinblick auf die Entwicklung gruppenspezifischer Armutsrisiken zeigt sich alles andere als eine soziale Entgrenzung und Heterogenisierung der Armutspopulation. Ausgehend von einem soziologischen Klassenmodell ergibt sich für Westdeutschland das Bild einer weitgehend stabilen, klassenspezifischen Schichtung des Armutsrisikos. Die einfache Arbeiterklasse trägt das mit Abstand größte Armutsrisiko, das absolut gesehen auch am stärksten ansteigt, gefolgt von der Facharbeiterklasse. Noch extremer ist dieser Anstieg im Osten verlaufen. In Ostdeutschland haben wir es heute, was die Armutsrisiken betrifft, annähernd mit einer Zweiklassengesellschaft zu tun: Auf der einen Seite stehen die beiden Arbeiterklassen und Routine-Dienstleister mit zum Teil extrem hohen Armutsquoten, auf der anderen Seite die übrigen Klassen mit nach wie vor eher geringen Armutsrisiken.

Ein besonders hohes und deutlich steigendes Armutsrisiko haben Personen, die höchstens über einen Hauptschulabschluss und keine berufliche Ausbildung verfügen. Allerdings stellt diese Gruppe auch einen abnehmenden Anteil nicht nur der Gesamtbevölkerung, sondern auch der Armutsbevölkerung dar. Ein starker Anstieg der Armutsquoten lässt sich insbesondere bei Personen in Alleinerziehenden-Haushalten und in Haushalten mit drei und mehr Kindern beobachten. Im Osten haben auch die Alleinstehenden - hier vor allem Männer mittleren Alters - erkennbare höhere Armutsrisiken. Drastisch ist der Anstieg der Armut für Personen mit Migrationshintergrund. Wenn man nur die westdeutschen Personen ohne Migrationshintergrund betrachtet, nimmt sich der Anstieg der Armut tatsächlich eher moderat aus.

Fußnoten

15.
Das bedeutet freilich nicht, dass in dieser Gruppe interne Ungleichheiten - etwa des Reichtums - nicht zugenommen haben können. Der hier gebildete Indikator des "gesicherten Wohlstands" sagt nichts über das Ausmaß von Reichtum aus, sondern ausschließlich etwas über die Absenz von Armut und Prekarität. Vgl. Olaf Groh-Samberg, Sorgenfreier Reichtum: Jenseits von Konjunktur und Krise lebt nur ein Prozent der Bevölkerung, in: DIW-Wochenbericht, (2009) 35, S. 590-597.
16.
Vgl. O. Groh-Samberg (Anm. 2), S. 173-190.
17.
Vgl. Olaf Groh-Samberg/Florian R. Hertel, Abstieg der Mitte? Zur langfristigen Mobilität von Armut und Wohlstand, in: N. Burzan/P.A. Berger (Anm. 9), S. 137-157.

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