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13.12.2010 | Von:
Olaf Groh-Samberg

Armut verfestigt sich - ein missachteter Trend

Fazit

Die hier vorgestellten Analysen machen deutlich, dass wir es in Deutschland mit der Entwicklung einer zunehmenden Verfestigung von Armut zu tun haben, die es in dieser Form in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat. Auch wenn keine Daten für hinreichend differenzierte Analysen für die Zeit vor Mitte der 1980er Jahre vorliegen, so scheint der Armutsanstieg in den vergangenen zehn Jahren zwar eingebettet in eine langfristige "große Welle" wiederansteigender Armut seit den 1970er Jahren, aber gleichwohl einmalig. Er ist charakterisiert durch die zunehmende Schwierigkeit, aus der Armut und auch aus der Prekarität wieder herauszukommen. Auf diese Weise nimmt der Anteil der langfristigen Armut kontinuierlich zu.

Offenbar sind die von verfestigter Armut besonders betroffenen und gefährdeten Gruppen sozial relativ homogen: Es sind vor allem Familien der Arbeiterschicht, mit mehreren Kindern oder alleinerziehenden Müttern oder Vätern sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Damit widersprechen die empirischen Befunde weit verbreiteten Annahmen über eine zunehmende Temporalisierung und soziale Entgrenzung der Armut, eine Zunahme sozialer Abstiege aus der Mitte der Gesellschaft und ein Ausgreifen von Prekarität in immer breitere Bevölkerungskreise. Der Kern der Armutsentwicklung besteht vielmehr in ihrer signifikanten Verfestigung.

Dieser zentrale Trend wird in der Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung nicht angemessen erkannt und reflektiert, obwohl der Anstieg der Armut aus dem umfangreichen Zahlenmaterial durchaus hervorgeht. Während sich der konzeptionelle Teil mit einem ambitionierten theoretischen Armutskonzept hervortut, bleibt der empirische Teil in einer Aneinanderreihung von Einzelindikatoren stecken, die als solche oft wenig aussagekräftig sind. Der sozialpolitische Berichtsteil schließlich steht mit seiner Rhetorik erfolgreicher Armutsbekämpfung in einer eklatanten Diskrepanz zum Versagen der Sozialpolitik vor der verfestigten Armut.

Die Etablierung einer nationalen Armuts- und Reichtumsberichterstattung stellt zweifelsohne einen großen Erfolg dar. Dieser Erfolg kann sich aber leicht in sein Gegenteil verkehren, wenn sich die deutsche Armutsforschung auf die Rolle einer bloßen Zulieferantin zu dieser Berichterstattung herabstufen lässt und die Definitionshoheit einer reinen Behördenlogik überlässt. Eine unabhängige Armutsforschung und -berichterstattung, die über die amtliche Berichterstattung hinausgeht und diese beständig kritisch reflektiert, ist daher unverzichtbar für das Gelingen einer demokratischen - und eben nicht technokratischen - Sozialberichterstattung.


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