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13.12.2010 | Von:
Karl August Chassé

Kinderarmut in Deutschland

Lässt sich Kinderarmut bekämpfen?

Hinsichtlich der strukturellen Ursachen von Kinderarmut ist vor allem auf das Zusammenwirken von Markt, Staat und vulnerablen (verwundbaren) Formen der Familie (Alleinerziehende, Familien mit vielen Kindern) aufmerksam gemacht worden. Die Veränderung des Arbeitsmarktes hinsichtlich einer Flexibilisierung und Prekarisierung, die Pluralisierung der Familienformen und die Ausgestaltung des Sozialstaats werden hier angeführt.[24]

Im internationalen Ländervergleich macht eine 2008 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlichte Studie deutlich, dass vor allem in den skandinavischen Ländern die Kinderarmutsraten mit drei bis fünf Prozent (nach den sozialstaatlichen Transfers) deutlich niedriger sind als in Deutschland und sogar auch niedriger als die allgemeine Armutsbetroffenheit in der Gesamtbevölkerung.[25] Die vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) veröffentlichte Überblickstudie zum kindlichen Wohlbefinden in reichen Ländern, die einen mehrdimensionalen lebenslagenbezogenen Zugang verfolgt, spricht Deutschland im internationalen Vergleich nur eine mittlere Position bei der Bekämpfung von Kinderarmut zu.[26]

In der deutschen Politik spielt die Verbesserung der materiellen Lebenslage von Familien in Armut durch eine Ausweitung der Umverteilung keine wesentliche Rolle. Es wird auf das Kindergeld (2010 um 20 Euro erhöht) und bessere steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuung gesetzt - sowie im Jahr 2009 auf die Auszahlung eines einmaligen "Kinderbonus" von 100 Euro je Kind. Doch nur von letzterem profitierten auch Hartz-IV-Empfänger, da das erhöhte Kindergeld auf die Grundsicherung angerechnet wird. Die aktuelle Bundesregierung und ihre Vorgängerinnen setzten stattdessen vor allem darauf, durch Investitionen in das "Humankapital" der nachwachsenden Generation Kinderarmut zu bekämpfen. Das Potenzial dafür wird vor allem im Ausbau der Infrastruktur für frühkindliche Bildung und verstärkte Anstrengungen einer schulischen Förderung, etwa durch Ganztagsschulen, gesehen. "Die frühe Bildung und Betreuung von Kindern hat hier in zweifacher Hinsicht eine enorme Bedeutung: für die Eltern bei der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Kindererziehung sowie für die Kinder selbst, insbesondere dann, wenn sie aus bildungsfernen und ressourcenarmen Familien kommen."[27]

Mithin soll also durch die Erwerbstätigkeit auch der alleinerziehenden Mütter mit kleinen Kindern die Einkommenssituation von Familien mit Kindern verbessert werden, und daneben geht es darum, durch eine möglichst frühe Förderung von Kindern die Bedingungen für den Schulerfolg zu verbessern und somit - gemäß der Humankapitaltheorie - die Qualifikation des künftigen Arbeitskräftevermögens zu erhöhen. Dazu bedarf es einer koordinierten Ausrichtung auf die schulische und außerschulische Bildung im Kindheitsverlauf.

Über die Förderung in der Kindertagesbetreuung hinaus hat die soziale Arbeit im vergangenen Jahrzehnt eine Reihe von Konzepten entwickelt, um Kinderarmut zu lindern.[28] Generell geht es um den Aus- und Umbau der öffentlichen Sozialisation als zentralen Beitrag zur Förderung biografischer Bildungsoptionen von Kindern und Jugendlichen, die zugleich als Förderung der Chancengleichheit von Kindern und auch Familien verstanden werden. Im Rückgriff auf das capability-Konzept von Amartya Sen wird vorgeschlagen, gerechtigkeitstheoretisch die Möglichkeits- und Freiheitsspielräume von Kindern, ein altersentsprechend möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen, systematisch ernst zu nehmen. In der Praxis der sozialen Arbeit muss danach gefragt werden, ob die grundlegenden Rahmenbedingungen des Lebens erlauben, bestimmte Möglichkeiten wahrzunehmen. Hier schließen kinderrechtliche Positionen an, die in Deutschland hauptsächlich von UNICEF und dem Deutschen Kinderhilfswerk vertreten werden. Unter Verweis auf die UN-Kinderrechtskonvention[29] wird nicht nur das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard gefordert, sondern man will auch Kinderrechte auf Bildung, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe für arme Kinder umsetzen. Daraus ergeben sich konkrete Forderungen, etwa eine Grundsicherung für Kinder, eine fördernde Politik und materielle Leistungen, etwa kostenlose Mittagessen in der Schule.

Im Konzept der Resilienzförderung sollen die strukturellen und individuellen Faktoren einer positiven Bewältigungskompetenz gestärkt werden, und entsprechend sind Ansätze zur Förderung auf der individuellen Ebene (Kompetenzstärkung des Kindes, Umgang mit Belastungen), auf der Beziehungsebene (Elternkompetenzen stärken, Erziehungsqualität steigern) sowie auf der Ebene der Förderung von Unterstützungsmaßnahmen für Kinder einschließlich der Stadtteilentwicklung und Lebensweltstärkung erforderlich.[30]

Am prominentesten ist das Konzept der Ganztagsschule, das auf eine neue Kooperationsstruktur von Familie, Schule und Jugendhilfe im Sozialraum setzt und bis hin zu lokalen Bildungslandschaften reicht. Das Konzept der Ganztagsschule zielt darauf, durch eine neue wechselseitige Verschränkung schulischer, sozialpädagogischer, familiärer, informeller und nicht formeller Förderung Probleme in der Sozialisation von Kindern einerseits frühzeitig wahrnehmen und in einer vernetzten Kooperation im Sozialraum angehen zu können. Das ist eine präventive und sozialräumliche Ausrichtung.[31]

Die Umsetzung der Konzepte der koordinierten Lebenslauf-begleitenden Hilfen ist beispielsweise in Monheim und anderen Städten in Nordrhein-Westfalen schon begonnen worden. Hier geht es um eine dichte Hilfe- und Präventionskette von der Geburt bis zur Berufsausbildung, die alle Ressourcen der örtlichen Jugendhilfe mobilisiert und darüber hinaus Tageseinrichtungen, Grundschulen, andere kommunale Ämter und freie Träger sozialer Dienste einbezieht. Es geht um eine intensivierte Angebotspalette sozialer Dienstleistungen für Kinder, Eltern sowie die Qualifizierung vor allem der pädagogisch arbeitenden Fachkräfte.

All diese Ansätze zielen darauf ab, Benachteiligungen der Familie in der öffentlich verantworteten Sozialisation auszugleichen. Ob das ausreicht, bzw. wie weit das reichen kann, ist empirisch ungeklärt. Beispiele aus anderen Ländern zeigen, dass eher auf die materielle Lebenslage von Kindern und benachteiligten Familien bezogene sozialpolitische Verbesserungen im Zusammenspiel mit der Intensivierung pädagogischer Förderung erfolgreich sein können.

Fußnoten

24.
Vgl. Nadine Förster, Kinder in Armut, Sozialpädagogischer Diskurs ohne theoretisches Konzept?, Frankfurt/M. 2003; Christoph Butterwegge, Kritik des Neoliberalismus, Wiesbaden 2008; Gerda Holz, Kinderarmut und familienbezogene soziale Dienstleistungen, in: E.-U. Huster/J. Böeckh/H. Mogge-Grotjahn (Anm. 7), S. 481-500.
25.
Vgl. OECD, Growing up unequal? Income Distribution and Poverty in OECD-countries, Paris 2008, S. 138 und S. 154.
26.
Vgl. UNICEF, Child poverty in Perspektive. Innocenti report Card No. 7, Florenz 2007; H. Bertram (Anm. 1).
27.
BMAS (Anm. 5), S. 211f.
28.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), 12. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Bonn 2005.
29.
Vgl. APuZ-Ausgabe Kinderrechte: APuZ, (2010) 38, online: www.bpb.de/files/CSJ1WO.pdf (23.11.2010).
30.
Vgl. als Überblick: Margherita Zander, Armes Kind - Starkes Kind. Die Chance der Resilienz, Wiesbaden 20103.
31.
Aus der Vielzahl der Literatur vgl. z.B. Thomas Coelen/Hans-Uwe Otto (Hrsg.), Grundbegriffe Ganztagsbildung. Das Handbuch, Wiesbaden 2008.

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