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8.12.2010 | Von:
Harald Müller
Niklas Schörnig

Drohnenkrieg: Die konsequente Fortsetzung der westlichen Revolution in Military Affairs

Der neue Drohnenkrieg

1998 kam der britische Militärexperte Lawrence Freedman zu dem Schluss, cruise missiles seien die paradigmatischen Waffen der Revolution in Military Affairs, da sie von einer Vielzahl an Plattformen mit hoher Präzision abgeschossen werden könnten und so nur geringe Kollateralschäden verursachen würden.[12] Aus heutiger Sicht scheint ein anderes Waffensystem in noch viel besserer Weise geeignet, diesen Platz einzunehmen: bewaffnete Drohnen.[13] Auch bei diesen Systemen führt der Westen die technologische Entwicklung mit Abstand an. Unter den inzwischen mehr als 40 Staaten weltweit, die militärische Drohnen besitzen, befinden sich nur wenige Nicht-OECD-Staaten. Die Entwicklung wird von den USA und Israel angeführt.

Ursprünglich wurden unbemannte Drohnen im Rahmen der RMA primär zur Aufklärung eingesetzt, wobei die Daten immer häufiger per Funk oder Satellitenverbindung in Echtzeit an den relevanten Kommandostand weitergeleitet werden. Sie verhelfen befreundeten Einheiten zu einem umfassenden und aktuellen Lagebild und tragen schon so zum Schutz eigener Einheiten bei. Dabei werden die Drohnen entweder durch einen "Piloten" (der dank Satellitenverbindung mehrere tausend Kilometer vom Einsatzort entfernt sein kann) ferngesteuert oder sie folgen semiautonom einer vorprogrammierten Route. Modernste Systeme können sogar komplizierte Flugmanöver wie Start und Landung ohne menschliche Eingriffe bewerkstelligen.

Schon kurz nach der Einführung größerer unbemannter Aufklärungsdrohnen wie beispielsweise der amerikanischen Predator Mitte der 1990er Jahre wurden Anstrengungen unternommen, die Drohnen zu bewaffnen. Man spricht dann von UCAVs. Im Jahr 2002 griffen mit Hellfire-Raketen bewaffnete Predator erstmals bewegliche Ziele - vermutete Al-Qaida-Mitglieder - in Afghanistan und dem Jemen an. Da die Drohnen nun selbst als Waffenplattform eingesetzt werden und nicht mehr mit anderen Plattformen wie Kampfflugzeugen interagieren müssen, konnte die sensor-to-shooter gap praktisch vollständig geschlossen werden.

Zumindest im unumkämpften Luftraum bieten Drohnen gegenüber bemannten Flugzeugen aus militärischer Sicht aber noch mehr Vorteile: Bewaffnete Drohnen können deutlich länger in der Luft beziehungsweise über dem Einsatzgebiet bleiben (zum Teil bis zu 20 Stunden). Mit ihren hochauflösenden Sensoren sind sie in der Lage, mehrere potenzielle Ziele gleichzeitig zu überwachen. Sie können auf der Lauer "liegend" den optimalen Zeitpunkt für einen Angriff abpassen oder Bodentruppen mit dauerhaftem Schutz unterstützen. Moderne Kampfdrohnen wie die amerikanische Reaper können aufgrund ihrer hohen Zuladung mit verschiedenen Raketen oder Bomben ausgestattet werden - die Reaper kann 14 Luft-Boden-Raketen oder mehrere 500 Pfund Präzisionsbomben tragen.

Aufgrund ihrer Vielseitigkeit und der Fähigkeit unmittelbare hochauflösende Aufklärung und Präzisionsbekämpfung zu vereinen, werden UCAVs vom amerikanischen Militär, der CIA und der Regierung laut "New York Times" als "weapons of choice" gegen Al-Qaida und Aufständische angesehen.[14] Während die Aufklärungselektronik helfen kann, Feindbewegung, Hinterhalte oder gar IEDs aus der Luft aufzuklären, bietet die Bewaffnung die Möglichkeit, erkannte Aufständische ohne Zeitverzögerung zu bekämpfen und Bodentruppen so erheblich zu entlasten.

Gerade vor dem Hintergrund kontinuierlich steigender alliierter Verluste in Afghanistan und dem Irak scheint der Rückgriff auf UCAVs deshalb einen Ausweg aus der politischen Zwickmühle zwischen eigenen und fremden Opfern zu bieten. Erstens werden die eigenen Verluste durch den Einsatz bewaffneter unbemannter Systeme deutlich reduziert und zweitens gestehen selbst Menschenrechtsorganisationen ein, dass der Einsatz von UCAVs zu relativ geringen Opfern unter der Zivilbevölkerung führt - zumindest wenn Sprengkörper mit geringer Sprengwirkung genutzt werden und festgelegte Routinen zur Minimierung von zivilen Opfern während des Einsatzes eingehalten werden.[15]

Vor diesem Hintergrund muss es nicht verwundern, dass es in den vergangenen drei Jahren zu einem wahren UCAV-Boom gekommen ist. Die USA setzen bewaffnete Drohnen nicht mehr nur in Afghanistan ein, sondern greifen zunehmend auch (vermeintliche) Taliban im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet mit an - vermutlich mit der stillen Zustimmung der pakistanischen Regierung. Gab es in den Jahren 2004 bis 2007 insgesamt neun Drohneneinsätze in Pakistan, so stieg die Anzahl 2008 auf 36 und 2009 auf 53. Bis Ende September 2010 fanden bereits 76 Angriffe statt.[16]

Bislang wurden bewaffnete Drohnen nur dann eingesetzt, wenn keine ernsthafte Luftabwehr zu erwarten war. Ingenieure arbeiten allerdings daran, zukünftige UCAVs auch in die Lage zu versetzen, in umkämpftem Luftraum zu bestehen. Dazu gehört, dass die nächste Generation wie die britische Taranis-Drohne über stealth-Eigenschaften verfügt. Auch werden zukünftige Modelle über die Fähigkeit zum Luftkampf verfügen. Da sie nicht auf menschliche Piloten Rücksicht nehmen müssen, können deutlich schwierigere Manöver geflogen werden. In den USA rechnet der Kongress sogar damit, dass der vor der Auslieferung stehende F-35 Joint Strike Fighter voraussichtlich das letzte bemannte Flugzeug der USA sein könnte.

Damit vereinen Drohnen nicht nur alle zentralen Elemente der RMA in sich, sondern decken praktisch das gesamte Spektrum aktueller militärischer Einsatzszenarien ab. Eine Entwicklung, die sich selbst Apologeten der RMA in den 1990er Jahren sicher kaum hätten träumen lassen.

Fußnoten

12.
Vgl. Lawrence Freedman, The Revolution in Strategic Affairs, Adelphi Paper, Nr. 318, London 1998.
13.
Obwohl viele der genannten Argumente auch auf unbemannte Land- oder Marinesysteme übertragen werden können, konzentriert sich dieser Artikel aufgrund der aktuell deutlich größeren Verbreitung auf unbemannte Luftsysteme. Für eine breitere Analyse vgl. Niklas Schörnig, Die Automatisierung des Krieges, HSFK Standpunkt Nr. 5/2010, Frankfurt/M. 2010.
14.
Vgl. New York Times vom 16.3.2009, online: www.nytimes.com/2009/03/17/
business/17uav.html (1.10.2010).
15.
Vgl. Human Rights Watch, "Troops in Contact". Airstrikes and Civilian Death in Afghanistan, 2008, S. 2.
16.
Vgl. http://counterterrorism.newamerica.
net/drones (29.9.2010). Auf die diffizile völkerrechtliche Problematik amerikanischer Drohnenangriffe in Pakistan kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden.