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30.11.2010 | Von:
Diane Reay

Gesellschaftliche Spaltungen, Geschlecht und Ethnizität im Bildungssystem

Ein großes Bewusstsein für gesellschaftlichen Wettbewerb, die Wirtschaft und eine individualisierte, neoliberale Kultur bilden in Großbritannien hohe Barrieren gegen Bildungsgleichheit.

Einleitung

Einflussreiche Diskurse und Strategien des Neoliberalismus bezüglich Privatisierung, Marktausweitung, Wahlfreiheit und Performanz sowie "der unternehmerische Einzelne" nehmen im britischen Bildungssystem eine hegemoniale Stellung ein. Ihr Einfluss hat Ungleichheiten in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft verstärkt; die Auswirkungen sind auf gesellschaftliche Schichtunterschiede am größten.

Bereits 1931 urteilte der Labour-Historiker Richard Henry Tawney: "Der Erbfluch des englischen Bildungswesens ist seine Orientierung an sozialen Trennungslinien." Im Jahr 2010 sind die gesellschaftlichen Schichtunterschiede nicht mehr nur der Erbfluch des Bildungssystems, sondern der ganz Großbritanniens. In einer aktuellen Studie belegt Großbritannien von 35 Ländern Rang 31 in Bezug auf die Auswirkung sozialer Herkunft auf das Bildungsniveau und schneidet damit schlechter ab als andere Länder mit besonders stark nach sozialen Schichten unterteilten Bildungssystemen wie beispielsweise die USA. In den meisten Ländern bestehen große Unterschiede entweder im Ergebnisvergleich zwischen Schulen (wie in Deutschland) oder innerhalb von Schulen (in Gesamtschulsystemen); in Großbritannien bestehen diese Unterschiede in beiden Fällen.

Der Grund dafür liegt zum Teil in der Geschichte der Schulerziehung in Großbritannien. Als das staatliche Schulsystem im 19. Jahrhundert eingeführt wurde, waren nicht Erziehung und Befreiung das Ziel, sondern Kontrolle und Ruhigstellung. Das Bildungsangebot für Arbeiterkinder wurde in erster Linie instrumental konzipiert, als Mittel zur sozialen Kontrolle und nicht als Beitrag zur Verbesserung von Lebenschancen. Diese Positionierung der Arbeiterschaft als untergeordnete, "andere" Klasse innerhalb des Bildungssystems wurde verstärkt durch den elitären Status der Privatschulen als Inbegriff schulischer Exzellenz - einem Unterscheidungsmerkmal, das bis heute fortbesteht. Die weit verbreitete Konzentration auf die Bildungsmisserfolge jener am unteren Ende der Gesellschaft bedeutet, dass die Frage nach dem Elitedenken der Oberschicht und der sozialen Schließung stark vernachlässigt wird.