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28.10.2010 | Von:
Matthias Mletzko

Gewalthandeln linker und rechter militanter Szenen

Tatschwerebetrachtungen

Die Zahl der in der polizeilichen Ersterfassung enthaltenen Tötungsdelikte ist ebenso wie die niedrige Zahl schwerer Körperverletzungsdelikte aber nur ein kleiner Ausschnitt der Realität intensiven Gewalthandelns. Die bloße Rechtsnormzuordnung nach gefährlicher und einfacher Körperverletzung bietet keine weiteren Einblicke in Handlungsqualitäten. Insbesondere Zu- oder Abnahmen von Brutalitäten - ein wichtiger Hinweis für Radikalisierungs- und Deradikalisierungsprozesse - entziehen sich so der Darstellung. Daher wurden im Rahmen einer rechts/links-vergleichenden Tatanalyse der Länder Sachsen und Nordrhein-Westfalen Polizeidaten der Jahre von 2003 bis 2006 unter diesem Blickwinkel betrachtet.[14] Aus dem umfangreichen Fallmaterial der Untersuchung - 874 Fälle rechts, 661 Fälle links - wurden herausragend brutale Tatbegehungsweisen gesammelt und aus rechtsmedizinischer Sicht nach Einwirkungsintensität auf das Opfer in vier Schwerekategorien gewichtet:

  1. Einwirkungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit akut lebensbedrohlich sein oder bleibende Schäden hinterlassen können.
  2. Einwirkungen, die seltener lebensbedrohlich oder dauerhaft schädigend sind, aber dennoch starke Schmerzen, stationäre Behandlungsbedürftigkeit oder längere Arbeitsunfähigkeit bedingen können, eventuell auch Funktionsausfälle wie nach Sehnendurchtrennungen.
  3. Einwirkungen, die kaum lebensbedrohlich, aber dennoch schmerzhaft sein, aber ohne stationäre Krankenhausbehandlung therapiert werden können wie großflächige Blutergüsse, größere Schürfwunden oder nicht allzu stark blutende Wunden.
  4. Bagatellverletzungen, die ambulant oder in Selbsthilfe behandelt werden können und keine Folgeschäden hinterlassen.
Um allseits bekannten situativen Unwägbarkeiten der Gewalthandlung Rechnung zu tragen, wurden noch Zwischenstufen eingeführt. So gilt beispielsweise für die häufig anzutreffende Vorgehensweise Stein-/Flaschenwurf zunächst grundsätzlich, dass der Werfer von Schottersteinen oder Flaschen das Risiko von Kopftreffern und damit lebensbedrohlicher Verletzungen in Kauf nimmt. Insofern ist die Einstufung in den Schweregrad 1 gerechtfertigt. Dennoch bestehen hinsichtlich Täterdisposition und Trefferwahrscheinlichkeit offensichtliche Unterschiede zu dem Angreifer, der im direkten Angesicht des Opfers auf den Kopf tritt oder mit Gegenstand schlägt. Dies soll durch die Einstufung 1-2 verdeutlicht werden.

Mit diesem Verfahren konnten einige rechts/links-Unterschiede herausgestellt werden: Die Anteile rechter Gewalttaten mit hochwahrscheinlich akut lebensbedrohlichen Einwirkungen (1) beliefen sich in Sachsen auf 21%, in NRW auf 11,2%. Mit gewisser Wahrscheinlichkeit lebensbedrohliche Einwirkungen (1-2) lagen in Sachsen bei 18,5% und in NRW bei 15,3%. Herausragend brutale Vorgehensweisen rechter Gewalttäter beider Länder waren Kopfschläge mit Gegenstand (1), Tritte auf am Boden liegende Person (1), Wurf mit Stein oder Flasche (1-2) und Kopftritte mit "normalen" Schuhen (1).

Die linke Gewalt hatte deutlich andere Schwerpunkte: In beiden Ländern lag die Stufe 1-2 an der Spitze - in Sachsen mit 43%, in NRW mit 24%. Der Anteil akut lebensbedrohlicher Einwirkungen (1) machte in Sachsen etwas über 2%, in NRW etwas über 6% aus. Die bevorzugte Handlungsweise war der Stein-/Flaschenwurf (1-2) aus der Distanz. Diese Präferenz spiegelt typische Ambivalenzen linksmilitanten Gebarens wider: Einerseits gilt die Prämisse der Legitimität von Gewalt, andererseits gibt es Tendenzen zur Gewaltdosierung.[15]

Diese Ergebnisse können nun mit einer bundesweiten Stichprobe aus den Jahren von 2006 bis 2009 verglichen werden. Aus dem Gesamtaufkommen rechter und linker Gewalt wurden alle schweren und gefährlichen Körperverletzungsdelikte herausgezogen - in der Erwartung, dass diese Auswahl hinsichtlich der Auswertung von Gewaltintensitäten ertragreicher als der Bereich einfacher Körperverletzungen sein würde. Dies ergab rechts 1975 und links 1253 Fälle. Da diese Fallzahl (n) mit dem zur Verfügung stehenden Zeitfenster und Kräfteansatz nicht zu bearbeiten war, wurde mit einfacher Zufallsstichprobe ein Drittel der Fälle gezogen. Damit lag die Fallzahl rechts bei n=658 und links bei n=417.[16] Im rechten Handlungsfeld zeigten sich 16,9% akut lebensbedrohliche (1) und 16,9% mit gewisser Wahrscheinlichkeit lebensbedrohliche Tateinwirkungen (1-2), zusammen also 33,8% - ein Drittel des Aufkommens rechter gefährlicher Körperverletzungsdelikte. Leider blieb eine nicht unbeträchtliche Restmenge (r) von Fällen, die aufgrund von Sachverhaltsschilderungen wie "schlagen", "treten", "zusammenschlagen" oder ähnliches ohne zusätzliche Angaben - getroffene Körperregion, Tatmittel - keine weiteren Tatschweredifferenzierungen ermöglichte.

Betrachtet man die Gewalttaten nach der Präferenz bestimmter Handlungsweisen, so zeigt das rechte Aufkommen wie auch schon bei den Erhebungen in Sachsen und NRW ein deutliches Übergewicht des direkten Angriffs auf die Person aus nächster Nähe. Dabei liegt die akut lebensbedrohliche Tatvariante Kopfschlag mit Gegenstand (1) an erster Stelle, gefolgt von Faustschlag auf Kopf ohne weitere Angabe (2-3), Tritten auf am Boden Liegende (1-2) und Stein- und Flaschenwürfen (1-2). Bei den akut lebensbedrohlichen Tatbegehungen (1, n=111) lag das Themenfeld Fremdenfeindlichkeit knapp vor der Konfrontation gegen links und sonstige politische Gegner, bei den bedingt lebensbedrohlichen Varianten (1-2, n=111) verhielt es sich umgekehrt.

Der rechts/links-Vergleich zeigt ähnliche Konturen wie die vorangegangene Untersuchung: Der sich hauptsächlich aus Stein-/Flaschenwürfen speisende Schweregrad 1-2 steht mit 33,6% an erster Stelle, akut lebensbedrohliche Handlungsweisen (1) stehen an vierter Stelle. Allerdings liegt dieser Anteil mit knapp 10% deutlich höher als die zuvor ermittelten niedrigen Werte für Sachsen (2%) und NRW (6%). Die Differenz dürfte sich dadurch erklären, dass bei der bundesweiten Auswertung Zentren der Linksmilitanz - vor allem Berlin und Hamburg - eingeflossen sind.

Der rechts/links-Vergleich präferierter Handlungsweisen zeigt die bereits bekannten Unterschiede: Beim linken Gewalthandeln steht zunächst der Stein-/Flaschenwurf im Vordergrund. Das für den rechten Phänomenbereich typische face to face-Gewalthandeln ist zwar auch anzutreffen, prägt aber nicht das Bild. Die Mehrheit der mit akut lebensbedrohlichen Einwirkungen (1, n=41) vorgetragenen Gewalttaten fand sich im Feld der Konfrontation gegen rechts, wobei in fünf Fällen Polizeibeamte betroffen waren. Die bedingt lebensbedrohlichen Akte (1-2, n=140) fanden mehrheitlich im Themenfeld der Konfrontation gegen rechts statt, der zweitgrößte Anteil lag in der Thematik Sicherheitsbehörden. In 74 Fällen war die Polizei Angriffsziel. Ein weiterer Unterschied findet sich bei der Häufigkeit von Mehrfachbegehungen, womit gemeint sein soll, dass zwei oder mehrere schwere Tateinwirkungen hintereinander erfolgen. Ein klassisches Beispiel hierfür: Das Opfer wird mit Kopfschlägen zu Boden gebracht und dann am Boden liegend weiter getreten. Der Anteil solcher Taten lag rechts bei 13%, links bei knapp 5%.

Fußnoten

14.
Vgl. U. Backes et al. (Anm. 1), S. 75-80, S. 89-93. Als Datenbasis standen die polizeilichen Ersterfassungsdokumente (Kriminaltaktische Anfragen in Fällen politisch motivierter Kriminalität (KTA-PMK)) mit Sachverhaltsvolltexten zu Verfügung.
15.
Vgl. ebd., S. 169-173.
16.
Erhebungsbasis waren anonymisierte Datensätze der BKA-Datei "Lagebild/Auswertung politisch motivierter Straftaten (LAPOS)" mit Kurzsachverhalten.