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28.10.2010 | Von:
Jan Schedler

"Autonome Nationalisten"

Genese der "Autonomen Nationalisten"

Hatte sich das zuvor recht überschaubare optische Erscheinungsbild durch diese Entwicklung bereits diversifiziert, so waren es im Jahr 2002 Neonazis aus dem Berliner Kameradschaftsspektrum, die sich nicht nur in ihrem Äußeren verstärkt an der radikalen Linken orientierten, sondern auch mit der provokativen Selbstbezeichnung als "Autonome Nationalisten" Bezug nahmen auf die Autonomen und deren militantes Selbstverständnis. Einerseits frustriert von den eingefahrenen Ausdrucksformen der neonazistischen Szene und deren kultureller Limitierung, andererseits fasziniert von der jugendkulturell wesentlich zeitgemäßeren Ästhetik, aber auch den Aktionsformen der linksradikalen Szene vor Ort, begannen Neonazis, vor allem aus dem Umfeld der Kameradschaft Tor, sich Stilelemente des politischen Gegners anzueignen. Hierin liegt das eigentliche Novum, war doch der Vorbildcharakter der Autonomen hinsichtlich ihrer Organisationsstrukturen und ihrer Aktionsformen bereits Mitte der 1990er Jahre von führenden Köpfen der neonazistischen Szene diskutiert worden. In expliziter Ablehnung der von ihnen als reformistisch verachteten NPD griffen zunächst jüngere Neonazis aus Nordrhein-Westfalen den neuen Ansatz auf und bezeichneten sich ebenfalls als "Autonome Nationalisten".

Nur die wenigsten Gruppen der AN lassen sich schon durch ihre Eigenbezeichnung diesem Flügel des Neonazismus zurechnen. Entsprechend schwierig gestaltet sich eine zuverlässige Einschätzung des Personenpotenzials. Das Bundesministerium des Innern schätzt die Gesamtzahl organisierter Neonazis auf 5000,[2] insbesondere der Zulauf, den die AN durch ihre gestiegenen Aktivitäten erhalten hätten, wird als wesentlicher Faktor für den erneuten Anstieg des neonazistischen Personenpotenzials gewertet. Den AN selbst seien davon mehr als zehn Prozent zuzurechnen, womit sich die Anhängerschaft dieser Strömung innerhalb von nur vier Jahren zumindest verdreifacht hätte.[3] Eigenen Analysen zufolge dürfte die tatsächliche Zahl noch deutlich höher liegen. In fast allen Bundesländern existieren gegenwärtig neonazistische Strukturen, die den AN zuzurechnen sind, allerdings handelt es sich zum Teil um vereinzelte Kleingruppen. Regionale Schwerpunkte liegen vor allem in Nordrhein-Westfalen, Südwestdeutschland und im Großraum Berlin. Während es sich lange Zeit um ein Phänomen der westlichen Bundesländer handelte, so haben sich inzwischen auch in den ostdeutschen Ländern entsprechende Gruppen gebildet. Nachahmung findet das Phänomen inzwischen auch im europäischen Ausland.

Fußnoten

2.
Vgl. Bundesministerium des Innern (BMI) (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2009, Berlin 2010, S. 62.
3.
Vgl. BMI (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2006, Berlin 2007, S. 60.