APUZ Dossier Bild

28.10.2010 | Von:
Jan Schedler

"Autonome Nationalisten"

Selbstverständnis

Das Selbstverständnis der "Autonomen Nationalisten" ist gekennzeichnet durch eine spezifische Kombination von rebellischer Attitüde und revolutionärem Pathos. Leitlinien wie "Revolutionär - statt Reaktionär"[4] oder "Während andere noch reden, handeln wir. Autonom"[5] zeugen sowohl von der Abgrenzung gegenüber dem tradierten Auftreten der extremen Rechten als auch der Selbststilisierung als revolutionäre Elite. Es sind vor allem jüngere Neonazis, die den eingefahrenen Mustern der eigenen Szene entsagen und sich in individueller Selbstdarstellung wie kollektiver Außendarstellung im Kontext politischer Veranstaltungen radikal am Zeitgeist ausrichten. Sie verstehen sich selbst als Trendsetter in der extremen Rechten, als szeneinterne Avantgarde, als neu und innovativ. "Wir waren was Neues, wir waren was Junges, wir waren viel revolutionärer als die Anderen", erklärt ein ehemaliger AN rückblickend.[6] "Veraltete Parolen, angelehnt an vergangene Parteiprogramme oder verstaubte Bücher" entsprächen einfach nicht dem Zeitgeist.[7]

Stattdessen bedient man sich gezielt einer Enteignung und Adaption von Symbolik und Aktionsformen der radikalen Linken. Die Nutzung der Selbstbezeichnung als Autonome geht einher mit einem Prozess des Kopierens und des extrem rechten Rekodierens von Ausdrucksformen der linksradikalen Autonomen. In der politischen Praxis findet diese Selbstinszenierung ihren Ausdruck beispielsweise in Transparenten, die an Stelle von Runen und Frakturschrift Slogans setzen wie "Ya basta! Es reicht!". Galten Gegenwart und Zeitgeist in der neonazistischen Szene zuvor als dekadent, individualistisch und eine Orientierung an eben diesen als absoluter Gegensatz zur angestrebten Volksgemeinschaft nach historischem NS-Vorbild, so brachen die AN mit dieser Tradition kultureller Limitierung und erklärten, ihnen sei zur Erreichung der eigenen politischen Ziele jedes Mittel recht. Während NPD und klassische Kameradschaften sich als wahre Vertreter eines imaginierten Volkswillens verstehen, sich als diejenigen sehen, die den Unmut einer schweigenden Mehrheit verkörperten und auf die Straße trügen, sind die Aktivitäten der AN häufig von einem antibürgerlichen und provokativen Habitus geprägt.

Fußnoten

4.
AN Wolfenbüttel/Salzgitter, o.J., online: www.an-wfsz.info/politischetheorie/anwfsz.pdf (10.7.2010).
5.
AN Südthüringen, o.J., online: www.netzwerk- th.de/~ansued/ (28.11.2008).
6.
Interview im Rahmen eines eigenen Forschungsprojekts.
7.
AN Gladbeck, o.J., online: www.ag-ruhr-mitte.info/Aktionsgruppe%20Ruhr-Mitte/index.html (10.1.2008).