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28.10.2010 | Von:
Jan Schedler

"Autonome Nationalisten"

Adaption der Ästhetik

Die Modernisierung extrem rechter Agitation durch die AN ist daher vor allem eine stilistische und ästhetische Neuerung. Durch die AN erfuhr die kulturelle Limitierung eine Entgrenzung: "Es gab damals (...) gewisse Zwänge. (...) Als Nazi hat man sich so und so zu kleiden, man hat das und das zu essen, man hat die und die Musik zu hören. Und, das war bei diesem AN-Konzept halt eben nicht so. Man konnte sich anziehen, wie man wollte, man konnte essen was man will, man konnte Musik hören, was man möchte und musste nur diese Ideologie propagieren. (...) Also man konnte leben wie man will, man konnte alternativ, cool, locker irgendwie leben und gleichzeitig Nazi sein", erklärt ein ehemaliger Neonazi.[9] Die durch die AN gesteigerte Verbreitung zeitgemäßer Bekleidungsformen aus der links-alternativen Jugendkultur dürfte daher bedingt sein durch den Wunsch der Einzelnen nach mehr Individualität. Gleichzeitig ist dies eine Folge der gestiegenen Popularität der Musikrichtung des sogenannten National-Socialist Hardcore (NSHC), der sich am für die linke Szene stilbildenden Lifestyle der Hardcore-/Punk-Szene ausrichtet. Der von den AN adaptierte Style - Cargohosen, Kapuzenpullover und Button-besetzte Basecaps - ist inzwischen in der neonazistischen Szene weit verbreitet. Ungeachtet der jugendkulturellen Motive erklären die AN diese Praxis zur politischen Strategie. Gezielt versucht man sich abzugrenzen vom gängigen Medienbild und bemüht sich, den Eindruck zu vermitteln, Äußerlichkeiten spielten für eine Partizipation überhaupt keine Rolle: "Wir sind keine gewalttätigen arbeitslosen Schläger mit Glatze und Stiefeln, wie es in den Medien berichtet wird."[10] Es sei unwichtig, welche Musik man höre oder welche Kleidung man trage; was zähle, sei der persönliche Einsatz für die gemeinsame Sache.[11]

Auch in ihrer Zeichensprache und Symbolik orientieren sich die AN an moderner Popkultur wie auch dem politischen Gegner. Während die Versuche, das Bild des nationalsozialistischen Soldaten in die Gegenwart zu übertragen, in der Vergangenheit häufig altbacken wirkten, wollen die AN die Jugendlichen dort abholen, wo sie stehen: "Das heißt, dass wir uns dafür einsetzen alle relevanten Teile der Jugend und der Gesellschaft zu unterwandern und für unsere Zwecke zu instrumentalisieren. (...) Ultrakonservatives Gerede können wir nicht mehr hören."[12] Zwar wenden sich auch die AN in ihren Verlautbarungen radikal gegen den Zeitgeist, andererseits erfährt dieser in ihren Selbstinszenierungen eine geradezu euphorische Huldigung. Es sind fundamentale Widersprüche wie dieser, die kennzeichnend sind für das Phänomen AN, die nach Aussagen ehemaliger Neonazis von den Akteuren allerdings ausgeblendet werden.

Die häufig bis ins Detail gehende Übernahme der Symbolik der linken Autonomen zeigt, dass es sich nicht um reine Anpassung an den Zeitgeist handelt. Anfänglich vor allem als Provokation gedacht, werden Symboliken und Insignien des politischen Gegners aus ihrem ursprünglichen politischen Kontext gerissen beziehungsweise auf einzelne Aspekte reduziert, um diese in neonazistischem Zusammenhang nutzbar zu machen und neu zu besetzen. Gezielt versucht man auf diese Weise insbesondere junge Menschen für die rechte Szene zu interessieren, die sich unabhängig von den politischen Inhalten durch Ästhetik und Codes der Linken angezogen fühlen: "Diese 'Autonomen' kopieren den Stil und die Aufmachung der linken Strukturen und von linken bisher agitierten Jugendkulturen, dabei werden die bekannten Symbole und Outfits mit unseren Inhalten besetzt und in unserem Sinne interpretiert. (...) Mittels dieses Auftretens besteht die Möglichkeit sozusagen unerkannt, da dem bekannten Bild des 'Faschisten' entgegen laufend, in die bisher von gegnerischen Lagern beherrschten Gebiete vorzudringen, politisch und kulturell. Graffitis sprühen, unangepasst und 'hip' sein können nicht nur die Antifatzkes, sondern auch wir, damit erreichen wir ein Klientel welches uns bis dato verschlossen geblieben ist."[13] Aussteiger betonen jedoch, das dies nur bedingt Wirkung zeige; so seien es zumeist ohnehin rechts eingestellte Jugendliche, die den Weg zu den AN finden.

Fußnoten

9.
Interview im Rahmen eines eigenen Forschungsprojekts.
10.
AN Sauerland, o.J., online: http://logr.org/ansauerland/jugend-zu-uns/ (3.2.2010).
11.
Vgl. Aktionsgruppe Rheinland, o.J., online: www.ag-rheinland.info/bereich/werdeaktiv (3.2.2010).
12.
Vgl. AN Wuppertal/Mettmann, o.J., online: www.ab-west.net/anwm.html (21.5.2006).
13.
Axel W. Reitz, o.T., online: http://freies-forum.net/board/thread.php?threadid=1044 (21.5.2004) (diese Webseite ist seit 2005 nicht mehr online), ebenfalls online: www.netz-gegen-nazis.de/artikel/das-label-autonome-nationalisten (13.9.2010).