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28.10.2010 | Von:
Jan Schedler

"Autonome Nationalisten"

Aktionsformen

Die AN propagieren eine strikt antiparlamentarische Politik: "Wir glauben nicht daran, dass Wahlen etwas verändern können und geben uns nicht der Illusion hin, auf demokratischem Wege Veränderungen zu erreichen. Die neue Revolution muss auf der Straße stattfinden", erklärt beispielsweise die "Aktionsgruppe Rheinland".[14] Entsprechend sind die AN sehr aktionistisch ausgerichtet. Ihre politische Praxis ist geprägt von einer großen Zahl kleinerer Aktionen, die sich auch von wenigen Personen durchführen lassen. Orientiert an der politischen Linken zählen neben Spontandemonstrationen, Störungen missliebiger Veranstaltungen oder Gegendemonstrationen auch sogenannte Direkte Aktionen wie symbolische Hausbesetzungen zum Aktionsrepertoire.

Ihre Aktivitäten sind von der für die AN typische Widersprüchlichkeit gekennzeichnet. Einerseits dienen sie vor allem dem Ziel, in Konkurrenz zum politischen Gegner den öffentlichen Raum zu besetzen oder sich gegenüber der Staatsmacht zu behaupten. Die Erfolge eigener Aktionen werden dementsprechend häufig an Existenz und Dynamik der Reaktionen seitens der radikalen Linken oder der Polizei gemessen. Im Mittelpunkt stehen zumeist nicht politische Inhalte und deren Vermittlung, sondern die Selbstinszenierung als dynamisch, rebellisch und militant. Andererseits versucht man mancherorts, sich auf lokaler Ebene bürgerlich zu geben und realpolitisch zu agieren, was dazu führt, dass beispielsweise mit den eigenen Graffitiparolen geprahlt und gleichzeitig saubere und ordentliche Innenstädte gefordert werden.

Insbesondere der Charakter vieler extrem rechter Demonstrationen hat sich durch die AN verändert: Schwarz gekleidet, mit Sonnenbrillen, Handschuhen und anderen Accessoires erscheinen die Neonazis zwar noch stärker uniformiert, als dies in der Vergangenheit der Fall war, aber mit einem ordentlichen, disziplinierten Aufzug haben ihre schwarzen Blöcke nur wenig gemein. Gerade die von der Linken adaptierte Aktionsform des Schwarzens Blocks prägt das Selbstverständnis der AN ebenso wie ihre Außenwahrnehmung durch die Öffentlichkeit. Durch die generell hohe Anzahl neonazistischer Demonstrationen hatten diese zuvor zumeist wenig spektakulären Veranstaltungen gerade für jugendliche Neonazis an Attraktivität verloren. Bei ihnen haben häufig subjektive Erfolgsergebnisse Vorrang vor der Vermittlung politischer Inhalte. Durch das rebellische Auftreten der "Autonomen Nationalisten" und die offensiv propagierten Auseinandersetzungen mit der Polizei und den Gegendemonstranten haben die Demonstrationen jedoch einen Erlebnischarakter erhalten, der das Mobilisierungspotenzial unter jungen Neonazis vergrößert.

Fußnoten

14.
Aktionsgruppe Rheinland (Anm. 11).