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28.10.2010 | Von:
Jan Schedler

"Autonome Nationalisten"

Neuer Stil

Die unterschiedlichen Spektren der extremen Rechten lassen sich unter anderem durch die Akzentsetzungen in der Stil- und Symbolpolitik differenzieren. Die "Autonomen Nationalisten" und die für sie konstitutive "Stilbastelei" sind daher nicht nur Ausdruck einer Suchbewegung, sondern ebenso von Distinktionskämpfen.

Durch das zeitweilige anything goes postmoderner Beliebigkeit der AN eröffnete sich im deutschen Neonazismus ein Experimentierfeld, aus dem sich in Abgrenzung von dem bisherigen Auftreten der eigenen Szene, in Orientierung am Zeitgeist und nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner ein neuer Stil ausgebildet hat. Dieser kann verstanden werden als ein eigenständiges Sinnkonzept, zu dem Kleidung, Symbolik und Habitus ebenso zählen wie die spezifische Art und Weise, in der kulturelle und politische Inhalte aufgenommen, interpretiert und ausgedrückt werden. [17]

Die "Stilbastelei" der AN ist dabei nicht so ungewöhnlich, wie sie vielleicht auf den ersten Blick anmutet. Die Genese neuer kultureller Stile basiert grundsätzlich auf einer differenzierenden Selektion aus der Matrix des Bestehenden: Stile werden nicht aus dem Nichts geschaffen, sondern durch Transformation und Umgruppierung des Bestehenden in ein Muster, durch welches mit ihm eine neue Bedeutung verbunden wird.[18] Dieser Prozess einer Übersetzung des Gegebenen in einen neuen Kontext und seine Adaption, den die AN vollzogen haben, kann als Bricolage (Bastelei) bezeichnet werden.[19] Allerdings handelt es sich hier im Ursprung primär nicht um ein strategisches Vorgehen, sondern um eine Folge jugendkultureller Dynamiken, die in Abgrenzung vom Status quo der Neonaziszene auf die Schaffung eines identitätsstiftenden eigenen Stils abzielten. Erst später erkannte man die Möglichkeiten, auf diese Weise neue Mitstreiter zu gewinnen.

Fußnoten

17.
Vgl. Daniel Schlüter, Riot im Kopf. Inhaltliche Perspektiven des "Autonomen Nationalismus", in: Jürgen Peters/Christoph Schulze (Hrsg.), "Autonome Nationalisten". Die Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur, Münster 2009, S. 22.
18.
Vgl. John Clarke, Jugendkultur als Widerstand. Milieus, Rituale, Provokationen, Frankfurt/M. 1979, S. 138.
19.
Vgl. Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, Frankfurt/M. 1973, S. 29f.