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28.10.2010 | Von:
Jan Schedler

"Autonome Nationalisten"

Rollback

Die Adaption linker Symbolik durch die AN und insbesondere ihr militantes Auftreten haben von Beginn an zu Konflikten sowohl mit der NPD als auch mit Teilen des Kameradschaftsspektrums geführt. Als sich die NPD im Jahr 2007 im Sinne einer taktischen Zivilisierung von dem Gebaren der AN distanzierte, solidarisierte sich der Großteil der Kameradschaften mit diesen, woraufhin die Partei - in vielen Regionen angewiesen auf die Unterstützung aus diesem Spektrum - zurückrudern musste. In der Folgezeit hat die von den AN geprägte Ästhetik weit über deren Spektrum hinaus Verbreitung gefunden. Gleichzeitig entwickelte sich unter den AN ab 2008 eine intensive Diskussion über die eigene Praxis, in der deutlich selbstkritische Töne laut wurden: Leider sei die Agitations- und Aktionsform der AN von manchen Neonazis als neue ideologische Ausrichtung, von anderen als vom Aussehen bestimmte Subkultur missverstanden worden. Es fehle teilweise völlig die theoretische Fundierung, stattdessen dominierten Lifestyle und blinder Aktionismus.[20]

War die Aufregung nach der Erklärung der NPD noch groß gewesen, so hat man - auch unter Einfluss des medienwirksamen Ausstiegs mehrerer "Autonomer Nationalisten" aus der neonazistischen Szene - offenbar erkannt, dass sich postmoderne Beliebigkeit und hedonistische Selbstverwirklichung nur schwerlich mit dem Beharren auf einer nationalsozialistischen Identität des Einzelnen und dem gemeinsamen Streben nach einem völkischen Autoritätsstaat vereinbaren lassen. Anstatt allein möglichst anziehend auf Jugendliche zu wirken, sei eine Rückbesinnung auf völkische Werte und Traditionen notwendig.[21] Jugendliche die nicht bereit seien, die theoretischen Grundsätze des Nationalsozialismus zu verinnerlichen, dürften nicht aus Gründen der Quantität die Reihen füllen. Offenbar hat hier ein rollback eingesetzt, erklärt man doch, es gelte sich dem "widernatürlichen Zeitgeist" zu widersetzen.[22]

Tatsächlich lässt sich auch in der politischen Praxis ein Wandel ausmachen: Für eine Demonstration in Recklinghausen im Jahr 2009 verbaten sich die organisierenden AN aus NRW englischsprachige Parolen und forderten ein "ordentliches" Erscheinungsbild, schließlich repräsentiere man immer noch ein Volk, samt Kultur und Identität und keine neuzeitlichen Subkulturen.[23] Mit in Frakturschrift gehaltenen Transparenten, zahllosen schwarz-weiß-roten Fahnen und Fahnen mit gekreuztem Hammer und Schwert - unter anderem Symbol des "national-revolutionären" Flügels der NSDAP - legte man auch optisch ein Erscheinungsbild an den Tag, das traditioneller wirkte als so manche andere Demonstration aus dem Kameradschaftsspektrum oder der NPD.

Fußnoten

20.
Vgl. Freie Nationalisten Gladbeck, o.J., online: http://forum.widerstand.info/showthread.php?t=19 (3.2.2010).
21.
Vgl. ebd., online: http://fng.1st-amendment.info/aktuelles/oktober%2008/mittelpunkt.htm (3.2.2010).
22.
Ebd., online: http://freie-nationalisten-gla.net/aktuelles/mai%2009/familie.htm (13.9.2010).
23.
Vgl. Tomas Sager, Neonazi-Demo in Recklinghausen, online: www.bnr.de/content/neonazi-demo-in-Recklinghausen (3.2.2010).