APUZ Dossier Bild

28.10.2010 | Von:
Jan Schedler

"Autonome Nationalisten"

Kurzum

Die "Autonomen Nationalisten" sind eine ästhetisch-stilistische und strategisch-aktionistische Neuerung im deutschen Neonazismus, die dessen Auftreten insgesamt modernisiert hat. Durch eine Adaption ikonografischer Formen der linksradikalen Autonomen, der Entwendung von Codes und Handlungsritualen und deren extrem rechter Rekodierung ist es gelungen, das jugendkulturelle Identitätsangebot der extremen Rechten zu erweitern und insbesondere bei Demonstrationen einen neuartigen Erlebnischarakter zu gewährleisten.

Es findet seitens der AN keine Abkehr von zentralen NS-Ideologieelementen statt, sondern man beschränkt sich darauf, diese mit Blick auf gegenwärtige Feindbilder und Ressentiments zu aktualisieren, um sich neue Zielgruppen zu erschließen. Gleichzeitig bedienen sie sich des rebellischen Habitus linker Jugendkultur als Projektionsfläche für ihre politischen Ziele. Extremismustheoretische Gleichsetzungen der AN mit linksradikalen autonomen Szenen sind daher unhaltbar, blenden sie doch in ihrer Oberflächlichkeit nicht nur deren grundlegende ideologische Verschiedenheit, sondern auch die Widersprüchlichkeit zwischen offen zur Schau getragener postmoderner Lebensstilpluralisierung und proklamierter völkischer Vergemeinschaftung der AN aus.

Während einerseits bestimmte Stilelemente der AN wie Kleidung oder Transparentgestaltung gegenwärtig in der gesamten neonazistischen Szene Anwendung finden, kann andererseits in Teilen eine Rückbesinnung auf tradierte Ausdrucksformen festgestellt werden. Che-Guevara-T-Shirts etwa finden sich kaum noch, auch manche Webseiten bedienen sich wieder eher ästhetischer Elemente aus dem NS als jener der Popkultur. Insgesamt ist daher wieder eine stärkere Verzahnung des neonazistischen Spektrums zu beobachten.[24] Die AN sind nur noch begrenzt als eigener Flügel wahrnehmbar. Vielmehr sind sie ein Modernisierungsfaktor im Neonazismus, durch den sich der etablierte Szenestil verändert hat.

Fußnoten

24.
Vgl. BMI (Anm. 2), S. 64.