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28.10.2010 | Von:
Roland Eckert

Kulturelle Homogenität und aggressive Intoleranz. Eine Kritik der Neuen Rechten

Pflicht zur Differenz?

Problematisch wird dieses "Recht auf Ungleichheit" erst dadurch, dass es dem Prinzip nach nicht für Individuen, sondern für "Gemeinschaften" gelten soll. Das Recht auf kulturelle Differenz ist nämlich nicht mehr gewährleistet, wenn aus ihm eine "Pflicht" zur Differenz abgeleitet wird und Menschen dadurch zur Assimilation an eine Gemeinschaft gezwungen werden. Diese Konsequenz des Ethnopluralismus ist kein Gedankenspiel. Auch heute noch verbietet eine amerikanische Sekte ihren jungen Leuten, zur höheren Schule zu gehen und begründet diesen Verstoß gegen die Schulpflicht mit dem (im Sinne der amerikanischen Verfassung) "höherwertigen" Gut der Religionsfreiheit, das sie für sich in Anspruch nimmt. Ein Drittel der Jugendlichen verlassen später das Reservat und sind in den großen Städten ohne Berufschancen - Opfer ihrer Gemeinschaft.[18] Auch "Ehrenmorde" sind Ausdruck eines verwandtschaftlich beanspruchten Eigenrechts, demgegenüber das geltende Recht die individuellen Selbstbestimmungsinteressen der jungen Frauen zu verteidigen hat. Ein familiäres Sonder- oder gar Standrecht kann nicht durch die Achtung kultureller Differenz gedeckt sein.

Es ist daher nicht das Recht auf Differenz an sich, das im Widerspruch zu den Menschenrechten steht. Wir können unter dem Dach des Grundgesetzes durchaus Gemeinschaften gründen, die sich in ihrer Lebensform, ihrer religiösen Orientierung, ihrer inneren Ordnung voneinander unterscheiden und interne Hierarchien ausbilden. Menschen können in solchen Gemeinschaften ihre Anerkennung und Heimat finden, ja: ihre "Wurzeln" schlagen. Das Lob der "Bindungen" im konservativen Denken ist durchaus berechtigt. Nur eines muss gewährleistet sein: dass Menschen sich aus freien Stücken diesen Gemeinschaften anschließen, in "Zucht" nehmen lassen und aus ihnen auch wieder ausscheiden können. Die Wahrung dieses Selbstbestimmungsrechts ist der Sinn der Schutzrechte im Grundgesetz und der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen. Diese richten sich nicht gegen Gemeinschaften und schon gar nicht, wie in der Tradition Carl Schmitts behauptet wird, grundsätzlich gegen den Staat, sondern versorgen diesen mit Akzeptanz und Legitimität. Das Recht auf Differenz muss aber von Individuen ausgeübt werden, die es dann in ihre Gemeinschaft einbringen können. Kollektive haben sich über die Zustimmung der Individuen zu legitimieren und nicht umgekehrt. Insofern können "autonome Gemeinschaften"[19] zwar aufgebaut werden, aber keine individuellen Staatsbürgerrechte ablösen.

Fußnoten

18.
Vgl. Russell Hardin, One for All. The logic of group conflict, Princeton-New Jersey 1995, S. 196, S. 202.
19.
A.d. Benoist (Anm. 9), S. 68.