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28.10.2010 | Von:
Roland Eckert

Kulturelle Homogenität und aggressive Intoleranz. Eine Kritik der Neuen Rechten

Allerweltskultur und Kreativität - können sie nebeneinander bestehen?

De Benoist beklagt die zunehmende Angleichung der Städte, der Verkehrswege und der Lebensformen als Herrschaft des immer Gleichen, eine "weltweite Gleichschaltung".[23] Sein Ethnopluralismus trifft sich hier mit der Kulturkritik von Herbert Marcuse und der linken Diagnose eines amerikanischen "Kulturimperialismus". De Benoist verkennt dabei, dass die globale Kultur keineswegs uniform ist: Im Generationsgang, in den Sezessionen der Künstler, in der Reaktion auf neue technische Möglichkeiten in der Musik oder dem Internet bilden sich immer wieder besondere und kreative Ausdrucksformen heraus. Im Widerstreit verschiedener Traditionen errichten Jugendliche ihre eigene und dritte Welt. Hybride Identitäten ("Wir sind nicht Türken, nicht Deutsche, sondern Kreuzberger!") entstehen, werden irgendwann "normalisiert" und gelten schließlich vielleicht einmal als deutsches Erbe, wie weiland die französischen Märchen bei den Gebrüdern Grimm. Nicht mehr über voneinander abgegrenzte Orte, sondern über unterschiedliche Szenen, Themen und Stile differenziert sich Kultur in Zeiten der Globalisierung.[24]

Man fragt sich, warum dies von den "Rechten" nicht gesehen wird. Vielleicht ist es die Allgegenwart eines Quotenfernsehens mit minimalen Qualitätsansprüchen, die gleichsam "aristokratische" Abwehrreaktionen auslöst. Vielleicht ist es die Ablehnung von "Formlosigkeit" (wie in der Kleidung, von Stillosigkeit wie beim Essen, von exhibitionistischer oder voyeuristischer Erotik), die bei ihnen als "Dekadenz" ästhetische Vorbehalte, ja: Ekel auslöst und auf Zuchtlosigkeit im Gefolge der 68er-Bewegung zurückgeführt wird. Nicht von ungefähr hat die Wiederentdeckung der Disziplin durch Bernhard Bueb[25] bei ihnen ein radikalisierendes Echo ausgelöst. Dabei ist es niemandem verwehrt, "stilvolle" Erziehungs- und Lebensgemeinschaften aufzubauen, wie es die konservative Kulturkritik am Anfang des 20. Jahrhunderts (z.B. um Stefan George) auch ohne Chauvinismus geschafft hat. Sie haben sich aber eben nicht als räumlich, ethnisch oder religiös vorgegebene Gemeinschaften etabliert, sondern als "Bünde" von wahl- und wesensverwandten Geistern - und zwar über Orte, Nationen und Konfessionen hinweg. Wahl-Nachbarschaft ist heute die Grundlage von Differenz. Als evolutionäres Prinzip hat die "kosmische Diversität" mit ihr eine neue Basis gefunden.

Fußnoten

23.
A.d. Benoist (Anm. 9), S. 8.
24.
Vgl. Roland Eckert et al., "Ich will halt anders sein wie die anderen" - Abgrenzung, Gewalt und Kreativität bei Gruppen Jugendlicher, Opladen 2000.
25.
Vgl. Bernhard Bueb, Lob der Disziplin - eine Streitschrift, Berlin 2007.