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28.10.2010 | Von:
Roland Eckert

Kulturelle Homogenität und aggressive Intoleranz. Eine Kritik der Neuen Rechten

Eine neue Aristokratie?

Die Ablehnung angenommener Gleichheitsforderungen beschränkt sich im Denken der Neuen Rechten nicht auf die Frage kultureller Differenz, sondern will auch hierarchische Beziehungen zwischen den Menschen rehabilitieren. De Benoist weist insbesondere auf das Phänomen der aristokratischen Moral hin, die eine ungeschriebene Moral "gegen sich selbst" sei und "Ausdruck einer privilegierten, direkten Beziehung zwischen einem selbst und etwas Höherem, zwischen dem, der lebt und dem, was seinem Leben Sinn gibt".[26]

Auch hier sei unbestritten, dass Gemeinschaften ein gemeinsames Ethos entwickeln können, das sie zur Erbringung besonderer Leistungen befähigt. Religiöse, kulturelle, wissenschaftliche, politische und schließlich auch militärische Organisationen leben von der Ausbildung eines Ethos, das mit ihren Aufgaben eng verschränkt ist. Die gesellschaftliche Ordnung insgesamt braucht jedoch eine verlässliche Konfliktregelung durch Gesetzesrecht, weil das Ethos, das in den einzelnen Gruppen gilt, dem anderer Gruppen widersprechen kann. Warum sollte aber ein gruppenspezifisches Ethos und die Vorstellung, dafür bestimmt zu sein, durch das Prinzip rechtlicher und politischer Gleichheit der Individuen ausgeschlossen sein? Gerade die inhaltliche Offenheit des Gleichheitsprinzips eröffnet Raum für faktische und veränderbare Ungleichheit (nicht allerdings für wesensmäßige "Ungleichwertigkeit"). Der Wunsch, besser als Andere zu sein oder als etwas Besonderes anerkannt zu werden, ist eine starke Motivation der Lebensführung. Die Vision einer Aristokratie nimmt solche Impulse in sich auf, würde sie aber wieder entwerten, wenn immer schon feststünde, wer zu den "Besseren" gehört, wenn Ungleichheit also in Ungleichwertigkeit erstarren würde. Demgegenüber käme es darauf an, zum Beispiel in Schulen und Jugendgruppen möglichst viele Gelegenheiten zu schaffen, in denen junge Menschen sich in spezifischen Zusammenhängen auszeichnen könnten - gegenüber anderen, die ihrerseits bei anderen Gelegenheiten einen Vorsprung anstreben können.[27]

Fußnoten

26.
A.d. Benoist (Anm. 1), S. 88.
27.
Vgl. Benjamin R. Barber, An aristocracy of everyone - the politics of education and the future of America, New York et al. 1994.