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28.10.2010 | Von:
Roland Eckert

Kulturelle Homogenität und aggressive Intoleranz. Eine Kritik der Neuen Rechten

Lob der Intoleranz

Es kommt in der neurechten Ideenwelt noch schlimmer. Dass Kriege Männer brauchen - und verbrauchen -, wissen wir. Dass Männer Kriege brauchen (um sich ganz als Männer zu fühlen), verkennt die männliche Zurichtung, die in Zeiten des Krieges erfolgt. "Schlagt euch, werdet Männer!" - dieser Ruf gellt den älteren von uns noch aus Kinderzeiten in den Ohren. All dies wird nun wieder einmal anthropologisch begründet - mit dem "Aggressionstrieb" von Konrad Lorenz.[30]

Ob Gewaltdispositionen für einen Krieg genutzt werden, darüber entscheidet letztlich die Form der Konfliktregulierung in und zwischen Gesellschaften, die sich dann auch in deren "Kulturen" sedimentiert. Ob wir Gewaltbereitschaft fürchten oder aber als Kampfesmut preisen und der Erziehung zugrunde legen, ist nicht von der "Natur" vorherbestimmt. Es liegt an uns beziehungsweise an Frieden und Unfrieden in einer Gesellschaft.

Genau diese Zivilisierung ist der Neuen Rechten ein Dorn im Auge. Nicht die unregulierte Aggression, sondern das "Erlahmen der Abwehrbereitschaft" ist für sie der "Ernstfall an sich".[31] Uns Deutschen fehle die Kraft, das eigene Volk vor den Verrottungsszenarien der modernen, liberalen Massengesellschaft zu bewahren.[32] Die heutige Form der Toleranz sei "die neunte Todsünde der zivilisierten Menschheit".[33] "Das Gebot der Stunde ist also die Intoleranz, oder besser: das Lehren und das Erlernen der Intoleranz dort, wo das eigene in seiner Substanz bedroht ist. (...) Ganz Europa steht dem Massenzustrom muslimischer Migranten in einer fatalen Mischung aus Selbstzweifel (gesteigert: Selbsthass) und islamischer 'Hyper-Identität' hilflos gegenüber. Deren Durchsetzungsaggressivität stößt auf mangelnde Verteidigungsbereitschaft (...). An die Stelle des deutschen kulturellen Standards und Bildungsanspruchs tritt nichts Besseres, sondern eine uns fremde Clan- und Sippenverbandskultur, die ohne das typisch deutsche und weit entwickelte Leistungsethos nimmt, was der Sozialstaat bietet."[34]

Dass der Missbrauch von Sozialleistungen bei Migranten höher sei als bei Einheimischen, ist unwahrscheinlich. Für Kubitschek dürfte das allerdings nicht entscheidend sein, denn er ist der Meinung, dass ethnische Deutsche bevorzugt werden müssten. Es geht ihm also letztlich um eine Offensive gegen muslimische Einwanderer. Sie sind der Feind, der "bezeichnet" werden muss.

Konflikte zwischen Cliquen, die sich über ethnische Zugehörigkeit definieren, sind in manchen Stadtvierteln und Schulen ein Problem. Gerade deshalb brauchen wir Konfliktschlichter und keine Konflikttreiber. Konflikteskalation ist ein sich über Gewalterfahrung selbst verstärkender Prozess und formt eine Weltsicht, die Carl Schmitt (aber nicht nur er, sondern auch Wladimir Iljitsch Lenin, Osama bin Laden und George W. Bush) für die eigentliche hielt. "Feindschaftsverweigerung" ist dagegen eine strategische Option, um zu verhindern, dass sich die Fronten verhärten, bis schließlich der Waffengang unausweichlich wird. Triumphierend glaubt de Benoist am Ausnahmezustand nach dem 11. September 2001 bereits die Substanzlosigkeit der Menschenrechtstradition der Vereinigten Staaten gegenüber der von Schmitt geforderten uneingeschränkten Handlungsfähigkeit des Staates im "permanenten Ausnahmezustand" illustrieren zu müssen.[35]

Fußnoten

30.
Vgl. Karlheinz Weißmann, Krieg - nur eine Erfindung?, in: Sezession, (2003) 1.
31.
Vgl. K. Lorenz (Anm. 12); Henryk M. Broder, Kritik der reinen Toleranz, Berlin 2008.
32.
Vgl. Götz Kubitschek, Wir und die anderen - 12 Punkte zur Überfremdung, in: Sezession, (2009) 33, S. 50.
33.
Ebd., S. 26f.
34.
G. Kubitschek (Anm. 13), S. 50.
35.
Vgl. A.d. Benoist (Anm. 28).