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28.10.2010 | Von:
Sara Pavan
Syed Mansoob Murshed

Radikalisierung von europäischen Muslimen - Identität und Radikalisierung

Anatomie der Radikalisierung

Vor diesem Hintergrund dokumentierte Frances Stewart die systematische und strukturelle Benachteiligung muslimischer Gruppen in allen westeuropäischen Staaten: Sie reiche von Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft niedrigerem Einkommen bis zu Unterrepräsentierung im öffentlichen Leben. Muslimische Bürgerinnen und Bürger seien in allen europäischen Staaten im Durchschnitt ärmer, stärker von Arbeitslosigkeit betroffen und unterproportional im öffentlichen Leben vertreten, zusätzlich zu dem schlechten Image, das mit ihrer kulturellen Identität assoziiert wird.[5] Denn in einigen europäischen Ländern ist es weniger politisch inkorrekt, sich offen abfällig über Muslime und den Islam zu äußern. So haben auch nach Untersuchungen des Pew Research Center unter Nichtmuslimen negative Äußerungen über Muslime in den vergangenen Jahren merklich zugenommen: In Spanien äußerten sich 52 Prozent, in Deutschland 50 Prozent, in Frankreich 38 Prozent, in Großbritannien 23 Prozent der Befragten negativ über Muslime.[6] In Deutschland beispielsweise erwarteten im Jahr 2007 58 Prozent der Befragten einen kommenden Konflikt mit den Muslimen (eine Zunahme um das Doppelte seit 2004), 46 Prozent äußerten Sorge vor einem unmittelbar bevorstehenden terroristischen Akt und 42 Prozent glaubten, unter der muslimischen Bevölkerung könnten sich Terroristen verstecken.[7]

Wie transformieren sich diese Arten der kollektiven Kränkungen zu individuellen Kränkungen, und umgekehrt: warum werden individuelle Nachteile (anderer Gruppenmitglieder) als kollektive Nachteile wahrgenommen?[8] Es beginnt damit, dass Individuen Selbstvergewisserung nicht nur aus dem Konsum oder der Identifikation mit einer Sache ziehen können, sondern auch aus ihrem Verhalten, das mit ihrer Identitätswahrnehmung und dem Verhalten gleichgesinnter Mitglieder ihrer Gruppe korrespondiert. Dazu zählen gemeinsame Rituale, Werte, Überzeugungen und Symbole wie die gemeinsame Verrichtung des Gebets. Und nicht nur aus eigenen Handlungen bezieht der Einzelne diese Selbstvergewisserung, sondern auch aus ähnlichen Handlungsweisen von Gleichgesinnten, die zu seiner Gruppe und vor allem zu seinem Selbstbild gehören, auch dies in Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Stellung dieser Gruppe.[9] Hinzu kommen ökonomische Faktoren (wie eben Benachteiligungen der jeweiligen Gruppe), die das Selbstbild ebenso beeinflussen wie externe (beispielsweise die Außenpolitik westlicher Staaten gegenüber der muslimischen Welt).

Man könnte argumentieren, dass fehlende gesellschaftliche Anerkennung der primären Identitätskomponenten (wie religiöser oder kultureller Identität) Individuen dazu bewegt, sich derer zugunsten angesehenerer Komponenten zu "entledigen". Solche Reaktionen wären allerdings entweder unaufrichtig oder würden eher auf strategischen Überlegungen basieren. Hinzu kommt, dass viele Individuen durch andere Gruppenmitglieder von nicht gruppenkonformen Verhaltensweisen abgehalten werden (Stichwort soziale Kontrolle). Oft zeigt sich, dass die Gemeinschaft, sobald ein Gruppenmitglied aufgrund eines "unangemessenen" Verhaltens eines anderen Gruppenmitglieds Nachteile erleidet, dafür sogt, dass das "fehlgeleitete" Mitglied in den "Schoß" der Gruppe zurückfindet. Dies gilt verstärkt in armen, aber kulturell homogenen Gemeinschaften, die in hohem Maße von Arbeitslosigkeit betroffen sind und in beengten Wohnverhältnissen in isolierten "Gettos" mit engem verwandtschaftlichem Zusammenhalt leben. In diesen sozialen Räumen spielt die Gruppenzugehörigkeit eine besondere Rolle, da die Gruppe als Schutzraum vor wahrgenommener Diskriminierung im öffentlichen Raum gilt.

Andererseits können auch Konflikttreiber (wie Demagogen oder Hassprediger) sich dieses kooperativen Verhaltens bestimmter Gemeinschaften bedienen, um kollektives Handeln zu erreichen: Durch den Verweis auf kollektive Kränkungen werden die Gruppenidentität und das Zusammengehörigkeitsgefühl gleichgesinnter Individuen gestärkt und die Mitglieder mobilisiert. Für radikal-islamistische Aktivisten spielt die innere Motivation, gegen die wahrgenommene Ungleichheit und Diskriminierung anderer Gruppenmitglieder vorgehen zu wollen, eine wesentliche Rolle, weshalb Täter extremer Gewaltakte nicht immer ungebildet und arm sind: Es ist nicht unbedingt persönliche Armut, die zur Mitgliedschaft in einer radikalen Gruppe führt, es kann auch die (subjektiv) wahrgenommene (ökonomische und kulturelle) Benachteiligung sein, welche die Gruppe insgesamt erfährt. Aus der Warte extremistischer Gewalttäter können daher Gewalthandlungen wie ein Selbstmordattentat rational sein, wenn das ausfhrende Individuum eine Alles-oder-Nichts-Entscheidung zwischen Solidarität und individueller Selbstbestimmtheit gefällt hat.

Fußnoten

5.
Vgl. Frances Stewart, Global Aspects and Implications of Horizontal Inequalities: Inequalities Experienced by Muslims Worldwide, Centre for Research on Inequality, Working Paper, Nr. 60, November 2008.
6.
Dieselbe Umfrage zeigte auch ein zunehmendes muslimisches Identitätsbewusstsein unter den Muslimen in Europa. Vgl. Unfavorable Views of Jews and Muslims on the Increase in Europe, September 2008, online: http://pewglobal.org/reports/display.php?ReportID=262 (3.10.2010).
7.
Vgl. ICG, Islam and Identity in Germany, März 2007, online: www.crisisgroup.org/~/media/Files/europe
/181_islam_in_germany.ashx (7.10.2010).
8.
Vgl. Syed Mansoob Murshed/Sara Pavan, Identity and Islamic Radicalization in Western Europe, MICROCON Research Working Paper, Nr. 16, 2009.
9.
Vgl. George Akerlof/Rachel E. Kranton, Economics and Identity, in: Quarterly Journal of Economics, 3 (2000) 115, S. 715-753.