APUZ Dossier Bild

28.10.2010 | Von:
Sara Pavan
Syed Mansoob Murshed

Radikalisierung von europäischen Muslimen - Identität und Radikalisierung

Zusammenspiel zwischen "Angst" und "Hass"

Auch die Existenz virulenter islamfeindlicher Botschaften erzieht nicht nur zur "Angst", sondern erzeugt auch "Hass" auf der Gegenseite. Denn nicht anders als benachteiligte Muslime, die von Konfliktmaklern indoktriniert und zu Aktionsgruppen zusammengefasst werden, einen tiefen Hass gegen den Westen empfinden mögen, versuchen bestimmte Politiker und politische Parteien im Westen, sich persönlichen Erfolg und Wählerstimmen dadurch zu sichern, dass sie "Angst" schüren, indem sie Gefahren predigen, die vom Islam insgesamt und von muslimischen Migranten im Besonderen ausgehen. Mit "Angst" ist hier das Unbehagen der Mehrheitsgesellschaften gemeint, welches sowohl Ursache als auch Folge von hetzerischen Botschaften in den öffentlichen und politischen Diskursen ist. "Hass" meint die Verhaltensweisen und Handlungen muslimischer Migranten, die von gewaltlosen Handlungen bis hin zu Terrorismus reichen können. So führte im Jahr 2001 zum Beispiel die Dänische Volkspartei (Dansk Folkeparti) ihren Wahlkampf mit einem Plakat, das eine junge blonde Frau mit dem Kommentar zeigte: "Wenn sie in den Ruhestand geht, werden wir eine mehrheitlich muslimische Nation sein." Die Partei konnte die Zahl ihrer Wählerstimmen um 70 Prozent verbessern. Im August 2007 versprach der Landeshauptmann von Kärnten Jörg Haider, den Bau von Moscheen und Minaretten in seinem Bundesland verbieten zu lassen; im September 2008 kam der österreichische Rechtspopulist bei den Nationalratswahlen auf 28 Prozent der Wählerstimmen. Die Anziehungskraft antimuslimischer politischer Parteien nimmt zu.

Der Erfolg solcher Parteien hängt von mindestens zwei Faktoren ab: dem Bedürfnis von Teilen der Mehrheitsgesellschaft nach Sündenböcken und ihren persönlichen Erfahrungen mit diesen Minderheitengruppen. Vor allem Personen, deren Arbeitsplätze schutzlos den Kräften der Globalisierung oder aus anderen Gründen ökonomischen Unsicherheiten ausgeliefert sind, sind besonders anfällig dafür, die Suche nach der "Wahrheit" zugunsten von hetzerischen Botschaften aufzugeben. Sobald der öffentliche Druck zunimmt, sehen sich auch staatliche und politische Akteure mit eher assimilatorischen Standpunkten zur muslimischen Einwanderung zum Handeln gezwungen. Dies geschieht oft in Form von legislativen Maßnahmen (Erschwerung des Familiennachzugs) oder in Gestalt einer integrationistischen Nationalisierungspolitik, die etwa die "kulturelle Befähigung" von Muslimen überprüfen lässt (Loyalitätstests als Nachweis einer demokratischen Grundhaltung).