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19.10.2010 | Von:
Henrik Enderlein

Die Krise im Euro-Raum: Auslöser, Antworten, Ausblick

Der EU-Rettungsschirm ist das größte All-In der Pokergeschichte. Geht es gut, dann geht es richtig gut. Geht es schief, dann könnte der Euro gescheitert sein.

Einleitung

Wird der Euro überleben? Dass seit einigen Monaten ernsthaft über diese Frage debattiert wird, verdeutlicht, wie schnell die Wirtschaftsgeschichte an Fahrt aufnehmen kann. Noch zum zehnten Jahrestag der Euro-Einführung wurden fast ausschließlich die Erfolge in den Vordergrund gerückt. Der Euro wurde gepriesen als Stabilitätsanker und Beispiel erfolgreicher supranationaler Kooperation.[1]

Die Krise des Frühjahrs 2010 hat dann aber schonungslos offengelegt, welche Konstruktionsfehler die Währungsunion in ihrer bisherigen Form aufweist. Der Wunsch vieler Mitgliedsländer der Europäischen Union (EU), eine Währung zu teilen, ohne gleichzeitig interne Stabilisierungsmechanismen oder eine weitreichende Koordinierung auch der Finanzpolitiken akzeptieren zu müssen, hat sich als kaum realisierbar erwiesen. Der Grund dafür ist nicht primär in den verfehlten Politiken einzelner Mitgliedstaaten zu suchen, sondern in der bisherigen Architektur des Währungsraums. Zwar haben sich einzelne Länder nicht an die gemeinsamen Stabilitätsregeln gehalten, aber es sind ja gerade nicht nur diese Länder, die inzwischen als Schwachpunkte im Euro-Raum gelten: Spanien und Irland haben die Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts vor der Krise respektiert, nun stehen sie plötzlich als Defizitländer im Fokus. Länder wie Deutschland, Österreich, Frankreich und die Niederlande haben das Regelwerk in der Vergangenheit häufig nicht respektiert, gehören heute aber zu den Stabilitätsländern im Euro-Raum.

Es ist also nicht der gerade aus deutscher Perspektive oft kritisierte Mangel an "Stabilitätskultur", der als einzige Erklärung für die Krise herangezogen werden sollte. Entsprechend dürfte eine Verschärfung von Stabilitätsregeln, wie sie jetzt debattiert wird, nicht ausreichen, um in der Zukunft ähnliche Krisen zu verhindern. Viel wichtiger ist dagegen die Schlussfolgerung, dass die Architektur des Euro-Raums selbst die jetzt entstandene Instabilität hervorgebracht hat und dass Antworten auf die Krise deshalb bei der Statik des Gesamtbauwerks ansetzen sollten, anstatt sich der Positionierung der Rauchmelder im Gebäude zu widmen. Es geht darum, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob mit der Einführung der gemeinsamen Währung ein Endpunkt der Wirtschaftsintegration in Europa erreicht worden ist - oder die Arbeit an einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik erst beginnen müsste. Die Krise hat gezeigt, dass die Euro-Einführung kein Endpunkt war, sondern dass es eine Sachlogik gibt, die weitere Schritte zu einer politischen Union unumgänglich macht. Um es gleich zu unterstreichen: Den Weg zurück gibt es nicht. Ein Rückschritt zu nationalen Währungen wäre ökonomisch abwegig und juristisch wohl unmöglich zu vollziehen. Es ist zwar richtig, dass wir mit der einheitlichen Geldpolitik auch Probleme schaffen. Aber die Kosten sollten uns auf keinen Fall verführen, jetzt das gesamte europäische Projekt leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Fußnoten

1.
Vgl. EU-Kommission, EMU@10: Successes and Challenges after 10 years of Economic and Monetary Union, Brüssel 2008.