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Editorial


4.10.2010
In diesem Jahr wird auf dem lateinamerikanischen Subkontinent das Bicentenario gefeiert: der Anfang vom Ende der europäischen Kolonialherrschaft. Die Helden der Revolutionen sind lange tot oder in die Jahre gekommen.

In diesem Jahr wird auf dem Subkontinent das Bicentenario gefeiert: der Anfang vom Ende der europäischen Kolonialherrschaft über die heutigen süd- und mittelamerikanischen Staaten. Meist dominiert Revolutionsromantik die Erinnerungskultur. Die Freiheitskämpfe des 19. Jahrhunderts werden als "Revolutionen" erinnert - ein dehnbarer Begriff, der für Volkserhebungen und für Militärputsche zugleich benutzt wird. Wohlstand und Freiheit sind in den Gesellschaften Lateinamerikas indes nach wie vor höchst ungleich verteilt.

Der Mythos vom gerechten Kampf der Armen, der indigenen Völker und der Sklaven gegen ihre Unterdrücker und das US-"Imperium" erlebte in Westeuropa manche Konjunktur. Der Ruf vom einigen Volk, das niemals besiegt werden würde, ertönte bei "Soli-Demos", und Nicaragua-Kaffee war aus westdeutschen Wohngemeinschaften nicht wegzudenken. Die brüderliche Hilfe der DDR für ins Exil gezwungene Anhänger Salvador Allendes nach dem Putsch vom 11. September 1973 wirkte nach; die Honeckers fanden ihre letzte Zuflucht in Chile. Heute üben Venezuela, Bolivien und wie stets der "tropische Sozialismus" auf Kuba besondere Faszination für nicht wenige Linke in den Zentren des Nordens aus. Die Ikone Che Guevara strahlt stärker denn je, auch wenn der heutige Che-Boom politisch folgenlos bleibt.

Die Helden der Revolutionen sind lange tot oder in die Jahre gekommen. Ihre Epigonen legen großen Wert auf demokratische Legitimität. Vielerorts sind in freien Wahlen linke oder Mitte-links-Regierungen ins Amt gelangt. In Bolivien preist Evo Morales seine "demokratische Revolution", und Venezuelas Präsident Hugo Chávez propagiert unter Anrufung des historischen Befreiers Simon Bolívar in populistischem Ton gar den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts".



 

Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte. Weiter...