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Die Linke in Lateinamerika

4.10.2010

Export der Revolution?



Von der Güte ihrer Revolution überzeugt, haben bestimmte Instanzen des kubanischen Regimes unter Anführung von Che Guevara schon früh danach getrachtet, das sozialistische Feuer in anderen Ländern zu entfachen. Bei diesen misslungenen Versuchen, den Umsturz mit Brachialgewalt herbeizuführen, ist viel Porzellan zerschlagen und nur wenig für die Sache der Revolution erreicht worden. Von Mexiko und Guatemala bis nach Brasilien, Uruguay und Argentinien haben Hunderttausende - nicht nur Guerilleros, sondern viel häufiger gewöhnliche, meist nicht bewaffnete Bürgerinnen und Bürger - die Erde mit ihrem Blut getränkt. Bewaffneter Kampf ohne langwierige politische Vorarbeit an der Volksbasis (in den Linksparteien, Gewerkschaften und Volksorganisationen) konnte der angestrebten Revolution kaum nützen - umso mehr aber den Interessen der oligarchischen, mit der US-Hegemonie glücklich lebenden Rechten der betreffenden Länder.

Diese Lektion haben die Aufständischen vor allem in Mittelamerika gelernt. Sie bemühten sich in der Folge um einen viel engeren Schulterschluss mit jenen politischen Organisationen, welche die Anliegen der unteren und untersten Volksschichten vertreten. Im Falle Nicaraguas hat eine solche Allianz, die überdies durch die aktive Präsenz von Intellektuellen, Geistlichen und einigen Unternehmern verstärkt wurde, zum Sieg der revolutionären Verbände geführt. In Guatemala und El Salvador scheiterten ähnliche Versuche, hauptsächlich wegen der massiven Militärhilfe, mit der die USA die etablierten, extrem konservativen Herrschaften zu stützen vermochten. Auch das Fehlen demokratischer Überzeugungen und Umgangsformen im Schoß der Guerilla- und Basisorganisationen trug zu deren Scheitern bei.

Demgegenüber setzt die Weiterentwicklung des revolutionären Kampfes durch die Zapatistische Befreiungsarmee (Ejército Zapatista de Liberacion Nacional/EZLN) im südlichen Teil Mexikos ein positives Zeichen. Die Eingeborenen, die im Dschungel von Chiapas den Idealen Zapatas nacheifern, verfolgen eigene, in langer kommunaler Debatte erarbeitete Ziele, insbesondere die Wahrung ihrer sozialen, kulturellen und sprachlichen Autonomie. Lateinamerikas Linke kann von den Zapatisten wahrscheinlich weniger hinsichtlich der Einführung des Sozialismus als vielmehr in Sachen interner Demokratie lernen. In abgelegenen Dörfern und Weilern machen die Ureinwohner in ihren Caracoles-Räten einen Bildungsprozess in Theorie und Praxis von unschätzbarem Wert durch. Auf der Suche nach einer eigenständigen, gerechten, friedlichen, solidarischen und demokratischen Gesellschaft tritt der stets vermummte "Marcos" nicht als Kommandant auf, sondern - wie einst Zapata - als Helfer zur Vollstreckung des Volkswillens. Obwohl die Zapatisten nach einer kurzen Anfangsphase 1994 jeglicher Art von Gewaltanwendung abschworen, findet die mexikanische Staatsgewalt sowohl auf Bundesebene wie auch im regionalen und lokalen Bereich keine andere Antwort auf die Bestrebungen der Eingeborenen als Schikanen, Provokationen und Repressionen. Es wird unablässig versucht, diesen Keim einer neuartigen, solidarischen und friedfertigen Gesellschaft (übrigens in kleinstem Rahmen, auf einige wenige zehntausend Menschen beschränkt) mit dem Einsatz militärischer, paramilitärischer, polizeilicher und auch mafiöser Methoden aus der Welt zu schaffen.

Schon drei Jahrzehnte zuvor, im Anschluss an die Bischofskonferenz von Medellín des Jahres 1968, hatten sich in der katholischen Kirche Kräfte zu regen begonnen, die ebenfalls nach einer gewaltlosen Revolution in Lateinamerika streben. In der Folge sind in allen Ländern des Erdteils Millionen Gläubige den christlichen Basisgemeinden (Comunidades Eclesiales de Base/CEB) beigetreten, die von sozial gesinnten Geistlichen betreut werden und die Lehren der Befreiungstheologie befolgen. Der Beitrag solcher gemeinschaftlicher Kerne zum geschichtlichen Wandel mag im Einzelnen gering und vielleicht sogar widersprüchlich sein. Aber mit der in die Zehntausende gehenden Anzahl von CEB multipliziert, die über den ganzen "katholischen Kontinent" verstreut sind und im Stillen wirken, kann sich - wie die Entwicklung in Brasilien nahelegt - ein Prozess der Bewusstseinsbildung ergeben, dessen politische Auswirkungen nicht zu unterschätzen sind. Auffallend sind die Parallelen zwischen Zapatisten und Basisgemeinden insofern, als die Staatsgewalt (im Falle der letzteren ist das der Vatikan) vorwiegend, wenn nicht gar ausschließlich mit repressiven Massnahmen auf das Entstehen und die Ausbreitung einer solchen "Volksbewegung" reagiert - mit dem einen gewiss beträchtlichen Unterschied, dass der mexikanische Staat dabei brutalste und skrupelloseste Methoden zur Anwendung bringt, während sich die katholische Obrigkeit darauf konzentriert, die geistigen Urheber der Befreiungstheologie mit Sanktionen zum Schweigen zu bringen.



 

Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte. Weiter...